Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 674 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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6/4 Erziehuiigsfragen. Alle Einwände kenne ich, die gegen Kultivierung der Sprache erhoben werden. Da ich mich zu den Gesetzestreuen zähle, bin ich frei von der Animosität, mit der die Gegner der Orthodoxie diese wegen ihrer ablehnenden Haltung in der Sprachenfrage bedenken. Nicht aus Abneigung gegen die heilige Sprache, sondern aus übergroßer Verehrung und Furcht vor Entweihung mied man bei uns ihren täglichen Gebrauch. — Doch kann ich keinen der Gründe als völlig berechtigt anerkennen. Ich kämpfe für die hebräische Sprache nicht um agitatorischer Zwecke willen oder um gegnerischen Angriffen die Spitze abzubrechen — wiewohl die organisierte Orthodoxie sich wohl überlegen sollte, ob es nicht lohnt, einen Gegenstand ins Programm aufzunehmen, der hineingehört und den Hohn verstummen macht. — Meine Motive sind duichaus positiver Natur, von organisatorischen Plänen und zeitl. Zwecken unabhängig. Form und Inhalt — wer hört nicht sofort diesen Dualismus entgegenklingen, wenn er das Sprachenproblem aufrollt! Die Sprache nur Form. Nun, man braucht im Aristoteles noch nicht sehr firm zu sein, um den Wert der Form richtig einzuschätzen. Jeder, den das Pätsel der Nationalsprachen einmal berührt hat, weiß, was die Sprache bedeutet als die Schwelle zwischen Gedanke und Welt. Wohl wahr — uns ist die hebräische Sprache noch nicht das naturgegebene Instrument unserer Gedankenwelt. Doch kann sie es unseren Kindern wieder werden. Keiner kann ernstlich behaupten, daß man in deutscher oder irgendeiner anderen Sprache jüdische Gedanken so ebenbürtig wiedergibt wie auf hebräisch. Die Sprache ist eine der vornehmsten Offenbarungen des Geisteslebens und der Kultur eines Volkes. Gewiß liest sich Shakespeare auch im Deutschen gut, aber auch ohne völlige Beherrschung des Englischen weiß man bald das Original höher einzuschätzen. Nie dürfen wir uns der Meinung hingeben, unser eigenstes Kulturgut wirklich zu besitzen, wenn wir nicht seine Sprache meistern. — Es ist ja Tatsache, daß in den letzten Generationen