Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 651 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Völkerbund im Lachte des Judentums. 651 liehe Fortschritt der Menschheit sich auf die Gesinnung gründen muß, die die Bibel „Gottesfurcht“ nennt, die Gesinnung, deren sich Josef als vermeintlicher Heide seinen wehrlosen Brüdern gegenüber rühmt (Gen. 42, 18), die in den Psalmen (etwa im Hallei 117, 4), aber auch in der griechischen und römischen Literatur auf die der jüdischen Anschauung . nahestehenden Nichtjuden Anwendung findet. Sie fordert keinen dogmatischen oder rituellen Anschluß an das Judentum, aber die Ethik der Noachidengesetze: die Achtung der Hechte aller Gottesgeschöpfe als Gottes Willen. Und solcher religiös gegründeter Sittlichkeit bedarf die Menschheit im Zeichen des Völkerbunds dringender als Kant ahnen konnte. Denn ohne uns hier auf Einzelheiten völkerrechtlicher Technik einlassen zu können? soviel steht außer Zweifel, daß die neue Organisation weniger auf politischer, als auf wirtschaftlicher Grundlage (nach dem Vorbilde und in Ausbau bestehender Organisationen, wie etwa des Weltpostvereins) beruhen, ein Menschenbund, kein bloßer Staatenbund werden wird. Ein solches System fordert aber nicht nur von seinen Leitern eine ganz besondere Höhe der ethischen Durchbildung, sondern es setzt auch bei den einzelnen jenes Maß des Verantwortungsgefühlsund der Pflichttreue voraus, ohne das nach dem schönen Nachweis des Lehrers der Philosophie an einer unserer technischen Hochschulen *) die sichere Durchführung moderner technischen Betriebe größten Maßstabes gar nicht möglich ist; sie fordert aber auch das Verschwinden dessen, was der gleiche Denker kurz vor dem Kriege die „halbfeindliche Neutralität“ der Beamten eines Dienstzweiges gegen die anderen genannt hat, des verständnislosen Bestehens auf der Durchführung der eigenen Aufgabe ohne Einblick in die des anderen — u. z. im Bereich der ganzen Weltwirtschaft! Der Weltbund hat somit nicht nur Völkerverständigung, sondern Völkerverständnis zur Voraussetzung: und wir Deutschen haben zu 3) Goldstern, Die Technik (1912), namentlich S. 29.