Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 650 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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^5° Der Völkerbund im Lichte des Judentums. ihnen nnr im Erlebnis eigener Offenbarung und in den heiligen Schriften der Vorzeit. Das „Trachten nach der reinen praktischen Vernunft“, das Kant die Vorbedingung für die Friedensarbeit schien, würde ihnen nicht genügt haben, aber auch nicht das Trachten nach einem Himmelreich in dem Sinne, wie es das Urchristentum verstand, nach einer reinen, dem Staatsleben abgekehrteri Innerlichkeit. Trachtet nach Gottesfurcht, würden sie gelehrt haben, nach Ausübung des Rechtes — nicht als einer von Menschen ausgeklügelten Konstruktion, sondern als des letzten Sinnes des Weltgeschehens überhaupt, dann wird der ewige Friede euch werden! Kants Idee vom ewigen Frieden scheint uns also einer Ergänzung zu bedürfen — an eben dem Punkt, an welchem seine Lebensanschauung überhaupt eine Weiterbildung erfordert und auch gefunden hat. Dem Sohne der Aufklärungszeit ist Religion nur ein Erzeugnis der „praktischen Vernunft:“ Männer wie die Schleiermacher, Eucken, James haben erwiesen, daß sie eigene Werte besitzt und in eigenen Tiefen des Gemüts wurzelt. Und ebensowenig würdigt Kant ausreichend den Anteil, den die Religion an der sittlichen Bildung des Menschen nimmt, auch die Höchststehenden nicht ausgenommen: hat man doch den ethischen Grundzug des Kantischen Denkens mit — den Nachwirkungen der Frömmigkeit puritanischer Vorfahren ganz einleuchtend in Zusammenhang gebracht. Ein Mann von der sittlichen Kraft Friedrich Wilhelm Försters, der sich von den Anschauungen der sogenannten ethischen Kultur zu dem bestimmten Glauben an die unentbehrliche Mitwirkung der Religion im Erziehungswesen durchgerungen hat, zeigt deutlich, daß die Korrektur des Kantischen Standpunkts von dem der Propheten aus nicht „Reaktion“ ist (so wenig wir übrigens solchen Vorwurf zu scheuen hätten), sondern Fortschritt. Ich habe leider Försters Schrift über den Anteil des Judentums an der Friedensbewegung nicht benutzen können, bin aber seiner Übereinstimmung sicher in der Überzeugung, daß der sitt-