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Jeschurun · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November 1918) · p. Seite 646

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 646 (sequence 38)
Language
German
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646 Der Völkerbund im Lichte des Judentums. selbstlos einzusetzen? Solche Interventionen, wie St. Pierre sie sich denkt, sind freilich im Laufe der Geschichte vorgekommen: im 19. Jahrhundert unter der Herrschaft der Heiligen Allianz, die jede Volkserhebung zu unterdrücken suchte, — aber weniger im allgemeinen Interesse der Völker, als in dem sehr egoistischen der Monarchen, die ihre Kronen bedroht fühlten. Und der Verlauf dieser Einmischungen führt auf einen zweiten Fehler St. Pierres: es hat sich trotz größter Bemühung als ganz unmöglich erwiesen, Europa auf eine bestimmte, zufällig gegebene geschichtliche Lage endgültig festzulegen. Mag ein Völkerbund die Grenzen seiner Mitglieder bestimmen wie er will — infolge der natürlichen Verschiebungen der Volkszahl und der wirtschaftlichen Verhältnisse wird es stets zu berechtigtem Verlangen nach Neuordnung an dem einen oder anderen Punkte kommen. Und wenn diese Neuordnung nicht vom Geiste des Hechtes getragen ist, wird es stets Völker geben, die nicht nach dem Nutzen, sondern nach ihrer Ehre fragen und, wie gegen die Heilige Allianz, für ihre Ansprüche zu kämpfen und zu siegen wissen werden. Der Fehler St. Pierres, der nur „vernünftige“ Motive kennt und der Macht des untervernünftigen Egoismus so wenig gerecht wird wie dem Hecht des übervernünftigen Idealismus^ liegt also eben an dem Punkte, an welchem er über das Mittelalter hinauszugehen sucht. Dieses nahm seinen Ausgangspunkt von den Einzelmenschen und suchte sie zur Einheit zusammenzuschließen, die für diese Betrachtungsweise eine ideale Forderung bedeutete. St. Pierre geht über die Einzelmenschen hinweg und verzichtet auf die Anrufung eines jeden Idealismus: er kennt nur Staaten und ihre „vernünftigen“ Interessen. Er vergißt, daß die Hingabe des Bürgers an den Staat und •die gerechte Würdigung des Interesses der Einzelstaaten durch die Leiter der Bundesbehörde hohe ethische Eigenschaften zur Voraussetzung hat — ein dauernder Friede also, wie es der prophetische Messianismus festhält, die sittliche Läuterung der Menschheit zur Vorbedingung haben muß.

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