Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 643 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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643 Der Völkerbund im Lichte des Judentums. widerspruchslos hat durchführen können1). Man mag die Ableitung des Glaubens an eine Menschheit vom Glauben an einen Gott, in der Dante mit manchen neueren jüdischen Theologen Zusammentritt, für zwingend halten oder nicht. — Geist vom Geist der Bibel ist die Überzeugung, daß die Menschheit durch ihre Einigung Gott näher kommt2)* Aber Einigung ist nicht volle Vereinheitlichung in einem Zwangsstaat. Die beiden Ideen des Altertums die imperialistische und die kosmopolitische, treffen bei Dante in eigentümlicher Verbindung zusammen. Ihm ist „die Welt Vaterland, wie den Fischen das Meer“3). Wir haben als Juden an Dantes Plan nicht zu bemängeln, daß sich seit den großen Entdeckungen des 15. Jahrhunderts die politische Zusammenfassung der bewohnten Erde als-Unmöglichkeit erwiesen hat. Wohl aber widerspricht seine Vorstellung auch innerhalb der Grenzen ihrer Durchführungsmöglichkeit dem, was den eigentümlichen Charakter der jüdischen Zukunftshoffnung ausmacht: der Anerkennung der Selbständigkeit friedlich nebeneinander bestehender Staaten. 2. Ein neuer Gedanke tritt bei Sully, dem Minister des französischen Königs Heinrichs IV. (um 1600), zutage. Er vertritt nicht mehr die Oberherrschaft eines Staates, der somit an Stelle des Kaisertums treten solle, sondern den Gedanken des europäischen Gleichgewichts. Aber um es herzustellen, muß die Karte Europas gründlich verändert werden. Vor allem muß das Haus Habsburg, daß seit 1519 in seinen Besitzungen die Sonne nicht untergehen sieht, den größten Teil seiner Macht verlieren. Und wenn auch Frankreich nicht geradezu an seine Stelle treten soll, so ist doch nur zu x) Kelsen a. a. O. 98 und über Dantes Friedensliebe S. 60. 2) G-anz in unserem Sinne schreibt Redslob 80: Wie hoch, steht das unserreichbare Ideal jeder alten Zeit über manchen Leitgedanken moderner Politik! Und wieviel können spätere Geschlechter aus einer ,Weltauffassung lernen, die, von den edelsten humanitären Gedanken erfüllt, im Grunde, wenn auch nicht in der Form, die höchste Vollendung des staatlichen Lebens repräsentiert. *) Kelsen a. a. 0. 64. 43*