Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 642 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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642 Der Völkerbund im Lichte des Judentums. Ganz anders ist die Theorie der großen Kirchenfürstea. der Papst ist nach ihnen der Herr über Kaiser und Könige. Er hat die höchste Gesetzgewalt; sein suveränes Gebot regiert jede Obrigkeit. Er ist der oberste Richter, sein Urteil regelt die Streitigkeiten der weltlichen Mächte. Er vergibt alle Macht; der Kaiser selbst hat sein Amt vom Papst zu Lehen und schuldet ihm deshalb Gehorsam und Treue. Ist doch der Staat ohne sittlichen Charakter, ein gottloses Regiment. Erst durch seine Unterwerfung unter die Kirche, durch seine Eingliederung in die göttliche Ordnung empfängt er seine Weihe1). So merkwürdig es zunächst erscheinen mag: die religiöse Theorie der Päpste steht uns als Juden ferner als die weltliche des Dichters. Die Bibel ersehnt die Vereinigung der Menschen im Glauben an einen Gott — nicht ihre äußere Verbindung zu einer Zwangskirche. Sie fordert im eigenen Staate (nicht bei allen Völkern) das, was man Theokratie genannt hat: die Unterordnung des Herrschers unter den geoffenbarten Willen Gottes, aber nicht die Herrschaft eines Priesters2 3 * * * * *). Sie weiß nichts von der „Gottlosigkeit“ des Staates. Sie wünscht den Weltfrieden — aber nicht die Zusammenfassung der Kräfte einer Religionsgemeinschaft zur Bekämpfung der übrigen9). Näher steht uns Dantes von tiefster Friedenssehnsucht durchgezogenes Ideal, wiewohl auch er den Anspruch des Staates auf Freiheit von der Suprematie des Papsttums nicht *) Redslob a. a. O. 86 f, 2) Vergl. die Arbeit meines sei. Vaters über das Königtum nach, biblisch-talmudischer Auffassung im Jahrbuch der jüdisch-literarischen. Gesellschaft XI 115 ff. 3) Es muß natürlich auch dahingestellt bleiben, wie weit bei den Friedensbestrebungen der Päpste neben wirklicher Friedenssehnsuch das Interesse der Kirche beteiligt war. Natürlich träfe etwa einen Gregor XIII. kein Vorwurf, wenn er wirklich, wie es Goethe, Tasso I 4, voraussetzt, Streitigkeiten mit christlichen Fürsten vermieden hätte, um Heiden und Ketzer bekämpfen zu können. Aber der Verdacht des klerikalen Egoismus konnte dazu führen, daß einem Faust (II. Teil 4) der Gedanke, „in einer frisch geschaffenen Welt Fried’ und Gerechtigkeit zu vermahlen45 sehr „pfäffisch klingt“.