Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 640 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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640 Der Völkerbund im Lichte des Judentums. einem Rechtsleben nicht zu vereinigenden1) — Verzichtwillen zurück auf den Grundsatz unserer Bibel: Gerechtigkeit erhöht ein Volk (Spr. Sal. 14, 34). Ich darf und will es mir versagen, näher darzutun, wie auch die dritte Grundlage des biblischen Pazifismus, das Gottvertrauen, im Neuen Testament durch die Forderung „Sorget nicht“ scheinbar überboten, in Wahrheit ihres Wertes als Motiv tatkräftiger Arbeit beraubt wird. Denn nichts könnte den Feinden der Friedensbewegung und der Religion willkommener sein, als der Versuch der beiden auf biblischem Standpunkt stehenden Glaubensgemeinschaften, sich das Recht auf die Friedensarbeit gegenseitig streitig zu machen. Das Christentum hat ein solches Recht oder vielmehr eine solche Pflicht, genau so gut wie wir, solange unsere Propheten, unsere Psalmen, unsere Weisheitssprüche auch die seinen sind. Aber freilich: nur dann kann das Christentum seine geschichtliche Aufgabe auf dem Felde der Völkerverständigung lösen, wenn es sich seiner altbiblischen Grundlage bewußt bleibt und die oben erwähnte Frage Baumgartens beantwortet durch den Ruf: Zurück zum staatsfreudigen, rechtsfreudigen und tatenfreudigen Alten Testament! IV. Völkerbundsentwürfe des Mittelalters und der Neuzeit. Daß das Judentum der Völkerbundsbewegung grundsätzlich freundlich gegenüber stehen muß, haben wir erkannt. Aber daraus folgt keineswegs, daß es durchweg die Formen billigen muß, in denen der Gedanke der Völkerverständigung seinen Niederschlag gefunden hat — und in unseren Tagen findet oder finden wird. Es gilt vielmehr, die verschiedenen Tendenzen, die in der Friedensbewegung zum Ausdruck gelangen, im Lichte des Judentums zu betrachten, ihre Motive auf ihren sittlich-religiösen Wert zu untersuchen. Ein Blick auf einige der wichtigsten Völkerbundspläne in Mittelalter und Neuzeit wird für diesen Zweck genügen und sowohl die besondere *) Vgl. Jeschurtm V 389 fi.