Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 637 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Völkerbund im Lichte des Judentums. 637 des Verkehrs, scheinbar weiterführte, in Wahrheit ihres ursprünglichen Sinnes beraubte. Jeremia hatte, wie wir sahen, die Güter, die auf Klugheit, Kraft und Reichtum beruhen, herabgewertet zugunsteA der „Gotteserkenntnis“, die ihm zugleich Erkenntnis und Anerkennung sozialer Verpflichtung bedeutet. Es ist begreiflich — und neuerdings von protestantischen Gelehrten mehrfach im einzelnen gezeigt worden —, daß in dem Maße, wie die Lebensanschauung der Propheten in die Tiefe der Volksseele drang, die naive Schätzung materiellen Glückes zurücktrat1). Aber zu völliger Entwertung der Freude am Besitz, zur Verkennung der sittlichen Werte, die recht angewandter Reichtum spenden kann, kommt es im Judentum nirgends. Und ebensowenig denkt es an eine Abkehr vom Staate, an politische Gleichgültigkeit. Diesen Schritt tut aber das Urchristentum, u. z. im Zusammenhänge mit seiner Grundstellung zu den Lebensfragen überhaupt. Das eigene Leben, Eltern und Geschwister, Weib und Kind sollten sogar einen Gegenstand des Hasses bilden für denjenigen, der auf sein ewiges Heil bedacht war . . . Auch der Staat und seine Pflichten mußten ihm (Jesus) von der erhabenen Warte des jenseitigen Reiches aus unter den Begriff der irdischen Dinge fallen und seiner nur auf das Ewige gerichteten Heilslehre als gegenstandslos erscheinen. Darum ließ er die Beziehungen des Menschen zu den staatlichen Aufgaben unberührt. Nur als er von seinen Gegnern zu einer Erklärung gedrängt wurde, gedachte er jener Pflichten mit einer kurzen bestätigenden Wendung. Aber der Grund, welcher ihn zu dieser Zustimmung 2) Ich kann mich'hier mit dem ausführlichsten der mix bekannten Versuche, den vor einigen Jahren Prof. Graf Baudissin unternommen hat, nicht auseinandersetzen, halte es aber für dringend notwendig, daß einmal von jüdischer Seite die von ihm gezeichnete, ziemlich schnurgerade verlaufende Enwicklungslinie nachgeprüft und durch die talmudische, womöglich durch die mittelalterliche Responsenliteratur durchgeführt werde. Vgl. einstweilen auch Tröltsch, Logos VI 19 über das Zurücktreten des militärischen Sinnes und der Freude am Besitz.