Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 636 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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636 Der Völkerbund im Lichte des Judentums. Forderungen nur an die eigene Gemeinschaft gestellt, die Ilbung von Hecht und Sittlichkeit nur vom Juden verlangt hätte.. Daß aber die Bibel an alle Völker den Maßstab des Hechtes anlegt, wurde bereits gezeigt. Und es muß hinzugefügt werden, daß nicht etwa nur *das Christentum das Erbe der Propheten in dieser Richtung angetreten hat. Nach einer sehr beachtenswerten Bemerkung eines Mannes vom Range Adolf Harnacks1) scheint es vielmehr, daß die jüdische Mission zwar in ihren dogmatisch-rituellen Forderungen an die Heiden nachsichtiger, in ihren moralischen Ansprüchen dagegen strenger gewesen ist als diejenige anderer Bekenntnisse. Erkennt doch das rabbinische Judentum neben den „GIß“ nur für Juden bestimmten Geboten sieben „Gesetze der Söhne Noahs“, d. h. aller Menschen an, zu denen die Verbote des Mordes, der Ungerechtigkeit, der Blutschande und der Tierquälerei gehören, und es berührt uns eigenartig, wenn wir einem Fingerzeig Cohens2) folgend in einer der frühesten Behandlungen des Völkerrechts3) diese sieben-Noachidengebote zur Grundlage der Darstellung genommen sehen: auf dem Titelblatt steht Moses, auf einen Altar deutend, der die Inschrift nj '22 n'KD (Noachidengebote) trägt, neben ihm Aron mit den Bundestafeln. So erblickt dieser alte Völkerrechtslehrer, der offenbar im jüdischen Hecht Bescheid wußte, in biblisch-rabbinischen Anschauungen kein Hemmnis, sondern geradezu die Grundlage des Völkerrechts. Ebensowenig wie der Anspruch des Christentums auf Alleingeltung hat es die Friedenssache gefördert, daß es die beiden — wie wir sahen — auf den Pazifismus hindrängenden Tendenzen des Judentums, das Streben nach einer Vergeistigung des Lebens und einer V ersittliehung x) Mission und Ausbreitung des Christentums (1902) 7. 2) Jahrbuch*für jüdische Geschichte und Literatur 1900, 86 ff., wo auch über Grotius’ Beziehung zu Bibel und Talmud interessante Aufschlüsse gegeben werden. s) Seiden, De iure naturali et gentium iuxta disciplinam Ebraeorum 1695 (nicht, wie Cohea 93,2 schreibt, 1665).