Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 634 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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634 Der Völkerbund im Lichte des Judentums. danken eines — sei es durch besonderen Bund mit der Gottheit, sei es durch eine überlegene und eigenartige Kultur — auserwählten Volkes. Solange im Sinn des jüdischen wie des klassischen Altertums der Staatsfremde als Feind, als Ungläubiger oder als Barbar galt, konnte zwar ein Fremdenrecht,, aber kein Völkerrecht sich entwickeln.“ Also: jüdischer und’ griechischer Partikularismus sollen das Auftreten des Völkerrechts verhindert haben. Kann das stimmen? Kann es richtig, sein, daß sich im ganzen Altertum — bei Ägyptern und Assyrern, Karthagern und Altitalikern — deshalb kein Völkerrecht hat entwickeln können, weil sich Juden, Athener und frühestens seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert die Körner für auserwählt gehalten haben? Hier muß ein Fehler stecken. — und man braucht nicht lange danach zu suchen. Es h a t im Altertum Anfänge des Völkerrechts gegeben, des Gesandtschaftsrechts z. B., das natürlich auch nach Liszts Darstellung zum Völkerrecht gehört und dessen Autorität stets anerkannt wurde — auch da, wo sich etwa die Gewalt über es hinwegsetzte. Es fehlt also nicht an der ethischen Bereitschaft zur Grundlegung des Völkerrechts, sondern an den Voraussetzungen für seinen Ausbau, also vielleicht an juristischer Schulung und wirtschaftlicher Notwendigkeit, die gemeinsam erst seit Beginn der Neuzeit erwachsen sind. Steckt aber nicht in Liszts Vorwurf trotzdem eine gewisse Berechtigung? Läßt sich bestreiten, daß das Christentum — wenn auch vielleicht noch nicht Jesus selbt — in anderem Sinne als das Judentum den Anspruch auf Westgeltung erhoben hat, daß es nicht nur, wie die Psalmisten und Propheten, „den Namen seines Gottes verkünden“, den Glauben an seine- Einheit lehren, sondern auch volle Einheit der Religions form und -Organisation hat herstellen wollen? Und wenn dem so ist, mußte nicht die Vereinigung der Völker in einem Kultus und einer Kirche der Völkerverständigung den stärksten Vorschub leisten? Daran ist so viel richtig, daß innerhalb der neuen Religion die nationalen Schranken an Bedeutung erheblich verloren und