Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 631 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Völkerbund im Liebte des Judentums. 631 Haltung einnimmt. Ausschlaggebend scheint mir vielmehr die Frage, wieso es im Altertum trotz dieser immerhin vorhandenen Tendenzen nicht zu der Weissagung eines Friedensbundes selbständiger Völker gekommen ist1). Und die Antwort kann nicht schwer fallen. Denn die Frage ist in dieser Fassung überhaupt falsch gestellt. Nicht das ist merkwürdig, daß die griechischen Berater der Dionyse und der Scipionen an der Durchsetzung der Forderung der Gerechtigkeit verzweifelten, daß ihre Nachfolger — je sittlicher sie waren, desto mehr — der unaufhaltsame innere Verfall des Herrenvolks mit tiefem Pessimismus erfüllte — vielmehr darin steckt das Problem, daß die Proph eten allem Unrecht und allem Kriegerstolz zum Trotz die Hoffnung, vielmehr die Gewißheit haben, daß es anders werden muß und anders werden wird. Und die Antwort auf'diese Frage kann nur gegeben werden aus der Würdigung des Grundunterschiedes der Weltanschauungs-Bildung hier und dort. Für den Propheten ist Gott und der Gottesgedanke letzte Quelle der Gewißheit. Das Bewußtsein, Gottes;„ Sprecher“ zu sein, gibt ihrer Bede die unerhörte Kühnheit. Und aus dem Glauben an den Gott der Gerechtigkeit folgt die Über5zeugung, daß das Gute, das doch aus ihm stammt, alle Hindernisse überwinden wird, sei es auch erst „am Ende der Tage“. Hermann Cohen schreibt einmal2): „Wer das Gottvertrauen nicht kennen will — denn kennen muß es jeder Mensch in seinem Grundgefühle — dem bleibt die religiöse Literatur in ihren klassischen Tiefen, dem bleibt die Lyrik der Psalmen ein unauflösbares BätselM. Aber gleiches gilt unseres Erachtens von der Zukunftshoffnung der Propheten. Cohen schreibt weiter: „Die Ethik einigt sich mit der Beligion in dem Vertrauen auf Gott als den Bürgen für die Herstellung der Sittlichkeit auf Erden .... Was wäre alle Geschichte, *) Denn bekannte Hoffnungen auf Frieden unter dem Heiland- Augustus oder einem Prinzen seines Hauses verherrlichen ja nur die „pax Romanatf als Zeichen der Müdigkeit, nicht der Gerechtigkeit. 2) Neue jüd. Monatshefte I 79.