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Jeschurun · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November 1918) · p. Seite 624

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 624 (sequence 16)
Language
German
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624 Der Völkerbund im Liebte des Judentums. folgende: „Als höchstes Gebot für den Staat gilt immer, sich selbst zu behaupten: das ist für ihn absolut sittlich. Und darum muß man aussprechen, daß von allen politischen Sünden die der Schwäche die verwerflichste und verächtlichste ist; sie ist die Sünde wider den heiligen Geist der Politik.“ Was Treitschke Selbstbehauptung nennt, zeigt der folgende Hinweis auf das Verfahren Friedrich Wilhelms IV. der 1849 in Sachsen und Bayern die Ordnung wiederherstellte und es tadelnswerterweise versäumt habe, die einmarschierten preussischen Truppen einfach dort zu lassen und die Fürsten abzusetzen. Den Absatz fand ich nicht nur in annexionistischer Literatur, sondern samt der Schlußwendung, daß „auch im Innern die Macht, das Aufrechterhalten und Durchsetzen des Staatswillens das wesentliche sei“, in der Schrift eines der angesehensten evangelischen Theologen1) als „unwiderleglich“ zitiert. Natürlich muß der Staat sich stets den Anschein moralischen Handelns geben; die „Ehrlichkeit und Anständigkeit“ Bethmann Hollwegs, der das Unrecht gegen Belgien als Notstandshandlung zu entschuldigen suchte, „widerspricht dem heiligen (!) Zwecke der Selbstbehauptung“ (S. 130): aber über ein Unrecht als solches, etwa über die „Perfidie“ Italiens, sich aufzuregen, hatte das Volk Bismarcks keine Veranlassung (S. 131). Uber das Recht des Staates auf gewaltsame Selbstbehauptung im Notstände, auf das wir zurückkommen, gehen diese Forderungen und Anschauungen weit hinaus. Sie verkünden die uferlose Machtpolitik. Right or wrong — my country. Sie übertragen auf das Staatsleben die Geltung der Nietzscheworte: „Was ist gut? Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht. — Was ist schlecht? Alles, was aus der Schwäche stammt. — Was ist Glück? Das Gefühl davon, daß die Macht wächst, daß ein Widerstand überwunden wird. — Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht: nicht Friede überhaupt, sondern Krieg; nicht /Tugend, sondern Tüchtigkeit!“ Das ist die Po- *) Baumgarten, Politik und Moral (1916) 116 f.

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