Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 617 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Völkerbund im Lichte des Judentums. 617 keine pazifistische Propaganda getrieben; aber ich wüßte wirklich nicht, wie sie das hätten anfangen können. Hätten sie Palästina, das Lamm unter den Wölfen, entwaffnen oder den Herren der vorderasiatischen Großstaaten die Entlassung ihrer Heeresmacht Vorschlägen sollen, auf der allein die Erhaltung der Riesenreiche beruhte? Und selbst wenn sie es getan hätten — für die Technik des Pazifismus dürften wir unser Vorbild so wenig in der Bibel suchen wie für die Technik des Krieges. Aber in derewigenGrundfr age: ob militaristische, ob pazifische Lebensanschauung — haben die Propheten ihr Urteil abgegeben, nicht vorzugsweise an den genannten Stellen sondern an hundert anderen: und ihre Entscheidung in dieser Grundfrage hat gewirkt auf Mittelalter und Neuzeit; sie tont an unser Ohr und wird zu unseren Nachkommen reden, bis sie Gehör gefunden hat. Man hat das verkannt, weil man eben nicht immer gesehen hat, daß es sich bei der Entscheidung zwischen Pazifismus und Militarismus um einen Gegensatz der Lebensanschauungen handelt. Drehte es sich vorwiegend um die Frage, ob die Welt schon heute für den ewigen Frieden reif ist und welche Mittel man ergreifen soll, um den Ausbruch eines Krieges zu verhüten oder doch zu erschweren, so hätte die Religion überhaupt nicht mitzureden. Denn das sind Fragen der geschichtlichen Erfahrung und der juristischen Technik. Es handelt sich vielmehr um die Grundlage der pazifischen Untersuchung und Arbeit : die Frage, ob der Krieg überhaupt bekämpft werden soll, nicht weil er nicht lohnt, sondern weit er unsittlich ist, — oder ob die Menschheit doch von Zeit zu Zeit in den „Jungbrunnen“ eines „frischen, fröhlichen Krieges* eintauchen soll: „denn der Mensch verkümmert im Frieden“. Wäre der ewige Friede nicht nur ein Traum, sondern „nicht einmal ein schöner Traum“, dann wäre die Arbeit der Pazifisten nicht etwa bloß eitel, sondern schädlich. Erst wenn also das Ziel des Pazifismus als berechtigt erkannt ist, gewinnt die praktische Arbeit ihren Sinn und ihr Recht. Daraus ergibt sich der Anteil, den die Religion an der