Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 616 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6i6 Der Völkerbund im Lichte des Judentums. allen "Weissagungen zum Bilde der Zukunft gehört. Das ist ja gerade das Große, Herr liehe, dessen Erwartung die Propheten förmlich berauscht: daß nicht, wie in den Zwangs- Staatenbünden oder Bündeln ihrer Zeit, die Gewalt, sondern das Hecht die Beziehungen der Menschen und der Menschengruppen regeln soll1). Also ein Friedensbund selbständiger Völker auf dem Boden des Hechtes — es ergreift uns aufs tiefste, vor 2600 Jahren Gedanken ausgesprochen zu sehen, für die in Deutschland trotz d.er Höhe seiner Gesittung vor kurzem nur kleine Kreise reif gewesen sind. Und doch — stünden jene Stellen für sich allein, sie berechtigten uns noch nicht, die Propheten und Psalmisten als Väter des pazifischen Gedankens anzusprechen. Denn sie betrachten den Völkerfrieden zweifellos nur als Folge, wenn nicht eher als Symptom einer fernen religiösen Erneuerung der Menschheit. Er erscheint als höchster Segen, gewiß —• aber nicht als unmittelbares Ziel praktischer Arbeit. Nochmals; stünden jene Stellen für sich allein, wir müßten vor dem prophetischen Ideale ausrufen wie Faust angesichts der Harmonie des Weltganzen: „Welch Schauspiel! aber ach, ein Schauspiel mir!“ Und das ist denn in der Tat die Stimmung mancher jüdischer und christlicher Theologen gewesen, die für die Friedensbewegung nicht mehr als eine gewisse Sympathie gewinnen konnten. Aber stehen jene Stellen wirklich außer Zusammenhang mit der gesamten Weltanschauung der .Propheten? Das ist die Frage, von der alles abhängt — sowohl für das Verständnis der Bibel wie für unsere praktische Stellungnahme in der Gegenwart. Gewiß haben die Propheten l) Auch Tröltsch schreibt in seinem Aufsätze über das Ethos der israelitischen Propheten (Logos VI 13), in dem er die nationalistischen Züge der prophetischen Lebensanschauung überscharf betont, hinsichtlich des Zukunftsreiches: „In dieser Herrlichkeit wird Israel Jhv.’s Prophet und Knecht unter den Heidenvölkern sein, die sich zu ihm als dem Herrn der Welt bekehren und mit Israel in Jerusalem dereinst anbeten werden.“