Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 612 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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612 Der Völkerbund im Liebte des Judentums. löst sich auf in ein wahlfreies Durch einander wirren ganz auf sich gestellter Individuen. — So wird er der Begründer der kosmopolitischen Fassung des Gedankens der Völkerorganisation, die natürlich jede gewaltsame Auseinandersetzung ausschließt — aber auf Kosten der Sonderexistenz der Einzelstaaten. Das war paradox gedacht; aber der Gang der Dinge gab ihm mehr liecht als irgend jemand hätte ahnen können. Die Grenzen der Staaten und Stäätchen rings ums Mittelmeer fielen in der Tat — unter den Streichen des römischen Schwertes. Von Zenons Enkelschülern aber lernten die Eroberer, neben dem Römertum das Menschentum, die Humanitas, schätzen, die fester als Roß und Reisige den Bau des "Weltreichs stützen könne. Unter dem Einfluß stoischer Gedanken entsteht denn in Dichtern wie Virgil und Horaz der Glaube an die geschichtliche Aufgabe der Römer, „den Völkern zu gebieten und der Welt zu einem Frieden der Gesittung zu verhelfen.“ Die pax lomana, die — nur hier und da durch Aufstände freiheitsliebender Völker gestört — unter den ersten Kaisern den Mittelmeerländern einen materiellen Wohlstand schenkte, wie sie ihn wohl nie mehr erreicht — sie beruht auf der zweiten der imperialistischen Form des Organisationsgedankens, die einen Staat zum Herrscher macht über alle anderen und den Beherrschten Frieden spendet — auf Kosten ihrer Freiheit. Über diese beiden Formen des Pazifismus ist das Altertum nicht herausgekommen. So einflußreich die Mahnungen der Stoa zu Milde und Menschlichkeit wurden, die man seit der Renaissance in Ciceros und Senecas Übersetzung las; so interessant dem Lehrer des Völkerrechts die neuerdings aufgefundenen Schiedsgerichtsverträge griechischer Staaten sind und in Zukunft werden können — der Gedanke an einen Bruderbund selbständig nebeneinander bestehender Völkerschaften liegt dem griechisch-römischen Altertum völlig fern.