Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Von den litauischen ״Moralisten“. 601 die Unruhe ein. Der Chassidismus mit seinen Forderungen und Einwendungen zwang sie zur inneren Selbstprüfung, zur Einkehr, zum Sichklarwerden um den geistigen Gehalt und das sittliche Ziel ihres Judentums, in dessen Namen sie stritten, zu dessen Schirmung sie ausgezogen waren. Zwar* konnte kein Zweifel darüber auf kommen, daß das religiöse Leben die alten, überlieferten Formen wahren und die vom Talmud und Dezisoren angewiesene Bahn unbeirrbar weiter verfolgen müsse. Aber nun sagten ihnen diese Chassidim nach, ihr Judentum wäre seelenlos, ihre Lehre ohne Lebensgeist, ihr Gebet kein Gebet1). In ihres Herzens Tiefe mußten־ sie sich gestehen, daß diesen Vorwürfen der Chassidim mehr als ein Tropfen Wahrheit innewohne. Freilich machten sich die Misnagdim einer Vernachlässigung des idealen Gehaltes der Thora, der mangelnden Beachtung des geistig-sittlichen Kerns der Tatgebote und der Verkennung der Bedeutung der Weltanschauungsfragen der eigentlichen ״Seelenreligion“ schuldig. Nun erkannten sie die Schwierigkeiten ihrer Lage. Rabbi Chajim von Woloschin war unter den litauischen Geonim der erste, dem dieser Seelenzustand seiner Zeit zum klaren Bewußtsein kam. Inseiner נפש החיים״“ benannten Moralschrift unternimmt er den Versuch einer Begründung des Gedankensystems und der sittlichen Weltanschauung des Misnagdismus. Rabbi Chajim von Woloschin muß daher in dieser Beziehung als der repräsentative Theoretiker des Misnagdismus gelten. Neben den schriftlichen Darlegungen ließ er sich auch die mündliche Verbreitung seiner ״Ansichten vom Gottesdienst“ angelegen sein, und dies vor seinen Jüngern, die der von ihm ins Leben gerufenen neuen Jeschiwa zuströmten, um seinen halachischen Vorträgen zu lauschen. In jeder Stadt Litauens gab es damals unter den ״Lomdim“ Männer, derenSeele von leidenschaftlicher Religiosität erfüllt war, in deren Innern der religiöse Drang, gleich ״schwelendem Feuer“ lohte. *) Auf die Frage eines litauischen Gaon, warum die Chassidim die Gebetzeit hinausschieben? gab Rabbi Elimelech von Lysansk die bezeichnende Antwort: ״Besser ist es. außer der Zeit zu beten, als zeitig nicht zu beten I“