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Jeschurun · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · page 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 54)
Language
German
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598 Von den litauischen ״Moralisten״. Gemeinden. Allein ungeachtet des in praktischer Hinsicht obwaltenden religiösen Nihilismus waren diese Juden von Glaubensgeist und tiefinnerlichster Liebe zum Überlieferten und Geheiligten erfüllt. Die von den Verhältnissen erzwungene Vernachlässigung der Tatgebote war dazu angetan, ein Gefühl der Traurigkeit in ihren Herzen waehzurufen und deprimierend auf ihre an sich erschütterte Seele zu wirken. Entzogen war ihren schwankenden Füßen der sichere Boden jüdischer Überlieferung, das Leben verlor Inhalt und Ziel. In einem derartig resignierten und zerrütteten Seelenzustand erhebt der gläubige Jude seine Augen zum Himmel, nach einen Lichtpunkt am umdüsterten Horizont spähend. Und dieser Horizont war von mystischem Wetterleuchten durchblitzt, vom Geheimnisvollen und Wunderbaren erfüllt. Es schien, als harre alles verhaltenen Atems auf das Kommende. Da erschien er, der Erlöser! Der leidenden, in der Zerrissenheit gequälten Seele Erlöser war er, der Baal-schem. Hinab in das Jammertal des einfachen Volkslebens steigt er, Heilbalsam auf schmerzende Wunden streuend; Lebenselixier ist seiner Lippen Hauch den verschmachtenden Seelen. Als leuchtender Mittelpunkt erscheint er den Versprengten, Losgelösten, Verirrten. Alles sammelt sich um ihn, sich scharend um seinen ״heiligen Thron“. Vermöge dieser Kraft wird der Baal-schem zum Eroberer der jüdischen Welt. Dem schlichten Volksmenschen hat sich das strahlende Antlitz des großen Lehrers zuerst offenbart, und er war der erste, der ihm die Bahn ebnete 1). Der Chassidismus schwillt zur mächtigen Volksbewegung an, deren Wellengang sich, alles überflutend, über alle Judensiedlungen ergießt, bis er nach Litauen kommt — und ins Stocken gerät. Der mystische Seelenrausch verflüchtigt sich offensichtlich in der lauen litauischen Luft. Die neuen Ideen der ehassidischen Geistes- *) Es ist sehr bezeichnend, daß auch die später nahmhaftesten Baal-schem-Jünger auf diese Weise den Weg zu ihrem Meister fanden. So der ״Maggid von Meseritsch“ auf Drängen seiner Frau und Verwandten und Babbi Jakob Josef von Palna unter der Einwirkung des niederen Volkes (des *pftil) seines Wohnortes. Vgl. Herodezki, Heatid, VI.

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