Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Von den litauischen ״Moralisten“. 589 doch leidenschaftslos. Im polnischen Pilpul überwuchert das künstlerische Element das rein gedankenmäßige; ihm eignen alle Kennzeichen der romantischen Geistesart: lebendige Einbildung, ungehemmter Schwung und in allen Farben schillernde, jäh aufblitzende Kombinationslähigkeit. Der litauische Pilpul ist schwere, ernste Gedankenarbeit, die sich zur Förderung einer vernunftmäßigen Erkenntnis mit Vorliebe des Operationsmessers des Anatomen bedient. Allein die litauische Eigentümlichkeit tritt nicht allein in der Lehrweise, sondern auch in der menschlichen Persönlichkeit zutage. Ein Menschentyp für sich ist der litauische ״Lamdan“. Man braucht nur die Namen jener langen Reihe litauischer Geonim zu nennen, vom מהר״של (geh. 1510 und aufgewachsen zu Brisk, vom רמ״א als ר׳ שלמה מליטא angeführt), des ש״ך (geb. zu Wilna um 1621) des Verfassers des “מסדר הדורות Rabbi Salomo Halperin (geb. 1746, Rabbiner zu Minsk), des Gaon von Wilna und seiner Schüler bis zu den Größen der vergangenen und gegenwärtigen Generation (deren namhaftester, Rabbi Chajim von Brisk. eben von uns gegangen ist), und die geistigen Züge des litauischen Lamdans stehen klar vor Augen. Es ist eine ganze, ungebrochene Persönlichkeit, ohne jede Zwiespältigkeit des Charakters und des Geistes. Von typischer Bedeutung in dieser Beziehung ist die Gestalt des ersten litauischen Gaon, Rabbi Salomo Lurje. Einen so unbeugsamen und selbständigen Sinn er in seinen Entscheidungen und Talmuderklärungen (die ihm nicht ohne Grund den Titel eines Vaters der wissenschaftlichen Talmudkritik einbrachten) auch den anerkanntesten Autoritäten gegenüber an den Tag legtx), so widerspruchlos und unbedingt läßt er jede im Talmud nachweisbare Bestimmung und auch jeden zur Verbreitung gelangten Minhag gelten. Im Rahmen der Tradition selbst die Urtexte der einzelnen Halachas mit bewundernswürdigem Freimut einer umfassenden kritischen Sichtung unterziehend, gilt ihm die Heiligkeit der Tradition selbst, die er mit aller ihm eigenen Geisteskraft zu verteidigen *) Vgl. die bezüglichen Anführungen bei Horodezki, לקורות הרבנות Warschau, תדיי״א.