Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Von den litauischen ״Moralisten“. Lebensweise der einheimischen Bevölkerung nur noch bestärkt werden. Keine anderen Freuden kannten sie als die des engeren Familienkreises, keine andere Lebensverschönerung als den Schmuck der Thora und Mizwot. Dies Land schien zu einem Mittelpunkt des Thorastudiums geradezu vorbestimmt zu sein. Hier konnte der altjüdische Kulturgeist seine Suprematie auf allen Lebensgebieten behaupten. In der Tat: Litauen wurde zum klassischen Land der Talmudpflege, von talmudischem Geiste war das gesamte jüdische Öffentlichkeitsleben durchdrungen, die talmudische Ethik bildete den belebenden Geist jüdischer Gesellschaftlichkeit. Daß das Talmud- Studium die einzige Möglichkeit einer Befriedigung des auf geistig-kulturelle Lebensentfaltung gerichteten Strebens der Gesamtheit wie der großen Einzelpersönlichkeit bot, braucht kaum hervorgehoben zu werden; stellte doch der Talmud das einzige geistige Kulturelement und das jüdische Lehrhaus die einzige Stätte geistigen Lebens und Strebens dar. So entstehen neben den großen Mittelpunkten des Thora- Studiums Polens (Krakau, Lublin) neue Pflegestätten des Thorageistes auf litauischem Boden, die in Wettbewerb mit den alten treten. Den “״חכמי״בריסק fallt die Würde der ersten Autoritäten in der rabbinischen Welt zu, und Litauen erwirbt den Huf, alle Welt mit geistigen Führern zu versorgen. Das Talmudstudium selbst erhält in Litauen einen eigenartigen, das litauische Wesen widerspiegelnden Charakter. Im polnischen ״Pilpul“ lebt der heiße Pulsschlag einer leidenschaffcliehen Seele, die aus der eigenen Lebensfülle heraus schöpferisch wird. In seinem mühelosen, leichtbeschwingten Geistesspiel ist er der jäh auf blühenden Knospe vergleichbar. Beim Lesen oder Anhören eines polnischen Pilpul hat man gleichsam die Empfindung, den Flügelschlag eines im Äther dahingleitenden Vogels zu vernehmen. Ihm haftet der Frohsinn und die Leichtigkeit einer Augenblicksschöpfung an. Hingegen offenbart der litauische Pilpul das gemächliche Tempo einer langsam heranreifenden, zweckvollen Arbeit, kühl und zielsicher, mit der unverdrossenen Ausdauer des Ruderers,