Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292980-2292987--03152-3528793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 37 Yon den litAtüschen ״Moralisten“. Magnaten — lenkten ihre Schritte nach dem nahen Polen oder nach dem schönen Frankreich, die Verwaltung ihres Land- und Menschengutes ihren jüdischen Pächtern anvertrauend. Nur selten bekamen diese Juden ihre hohen Herren vor Augen} in ihrem Verkehr mit dem Umvolk kamen sie lediglich mit dem geknechteten Bauer in Berührung, der in Buhe und Demut sein Land bestellte und den Zins abtrug. Kühl-herbe, der Melancholie zuneigende Gemütsart zeichnet den Litauer aus. Ihm eignet weder der Russen träumerische Romantik noch des Polen leidenschaftliche Seele, vielmehr tiefgehende Wesensähnlichkeit mit der Volksart der Preußen, in deren Adern bekanntlich reichlich Litauerblut fließt. Der Litauer ist im allgemeinen geradsinnig, arbeitsam und fleißig, jedem hohen Streben abhold und für leichtbeschwingte Phantastik unzugänglich. Hingegen gesunden, scharfen Verstandes und praktischen Sinnes voll. Und dieses Volk, dessen historisches Geschick es war, seit frühester Zeit ein Spielball in der Hand fremder Herren zu sein, kam nie aus seiner ursprünglichen Primitivität heraus. Die Fremdherrschaft trug für seine wirtschaftliche und geistige Entwickelung mit nichten Sorge, und aus sich selbst Triebkräfte des Fortschritts hervorzubringen, war ihm nicht gegeben. Auf diesem Boden, in der Mitte eines solchen Umvolkes und in so gearteten Lebensverhältnissen war die Entwickelung des litauischen Judentums vor sich gegangen. Frei von jeglicher Einwirkung eines fremdartigen Kulturmilieus und jedem Wettbewerb seitens der einheimischen Bevölkerung, des Bauerntums, entzogen^ führten die Juden in den häufig von ihnen selbst gegründeten Städten oder in den ״Siedlungen“ (ישובים), deren Verwaltung seitens der abwesenden Magnaten ihnen anvertraut wurde, das ungehemmte Leben einer freien völkischen Sondergruppe im abgeschlossenen Kreise. Des Landes natürliche Armut und Kargheit der Erwerbsquellen und Möglichkeiten ließen die Anforderungen an das Leben auf ein Mindestmaß herabsinken, und diese Tugend der Bedürfnislosigkeit ist dem litauischen Juden eigen geblieben. In dieser ihrer Daseinsführung konnten sie von der ganzen