Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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574 Stefan Zweig’s ״Jeremias“. punkten überaus reiche Dichtung Ausdruck geben: Innig schön und von streichelnder, blumenhafter Zartheit erfüllt sind Szenen wie das Wiedersehen der Mutter und des Sohnes (im V. Bilde) die Wandlung Baruchs vom Feind zum Freund (II. Bild), überhaupt ist das Freundschaftsverhältnis Jeremias und Baruchs mit pastellfarbiger Zartheit gemalt; glühender Empfindung und dithyrambischen Schwunges voll sind alle Versszenen der in Prosa und Vers wechselnden Dichtung, in denen (den Versen) besonders Zweig der meisterhafte Übersetzer und Sprachkünstler wahre Triumphe feiert (fast regelmäßig ist von dem Kunstmittel der Alliteration wirkungsvoll Gebrauch gemacht); dramatisch gewaltig, nicht ohne bewußte Stilisierung sind die Volksszenen gestaltet, die an Sprachvollendung und Wohlklang fast an die Chöre der ״Braut von Messina״ heranreichen. Ganz in sterbende Abendschönheit getaucht sind die Schlußbilder des Ausklangs, die wie ein großes Wiegenlied das ins Elend (aljis, lat. alius ־־{־ Land), in die Golusfremde ziehende Volk begleiten und die (vielfach mit faustischen und gretchenhaften Anklängen versetzt) den Sterbegesang des Leidenskonigpaares Zedekia und Jeremias enthalten. Kehren wir mit einem Worte zur Ausgangsfrage unsrer Erörterung zurück: Ist Zweigs Jeremias das langersehnte biblische Drama? Wir glauben kaum. Es mag Massenwirkungen auslösen, den Bibelkenner wunderbar berauschen, doch unsres Blutes ist dieser Held nicht, dazu fehlt es diesem Helden an dramatischer Schlagkraft, das Theaterblut sozusagen fehlt, das Menschlich-Gebrechliche des Einzelschicksals, die Notwendigkeit der Entwickelung tragischer Konflikte. Wenn Jeremias leidet, leiden wir nicht mit, wenn er schreit und klagt, schreien wir nicht mit. Wir bewundern diesen Leidenshelden, sind interessiert, ergriffen, hingerissen, doch leben, lieben, jauchzen, seufzen mit diesem Menschen — das können wir nur selten, uns trennt etwas Unüberbrückbares, Hoheitsvolles, Jeremias ist für uns zu einig, für uns sterbliche, zerklüftete Erdensöhne.