Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Stefan Zweig’s ״Jeremias“. 5 73 malmende große Gebärde fehlt diesem liebeatmenden Völkerhirten Jeremias Zweig7scher Herkunft. Im Liebte der Dichtung erscheint uns Jeremias eher als ein Dichter, der sein Talent verflucht, der Schauer, die Ehrfurcht vor dem Unfaßbaren erfaßt uns nur selten. Überhaupt ist der Charakter des dichterischen Jeremias und des Werkes allgemein auf die Leidenstendenz zu sehr zugeschnitten (und dies ist ein unjüdisches Moment), Jeremias ist mehr Leidensheld und sein Trost ist ein Trost in Tränen. Selig preist er wiederholt des Volkes Plage und Prüfung. Damit hängt auch der Umstand zusammen, daß die Erlöseridee, das Kommen des Messias in der Schlußapotheose des Werkes mit keinem Worte gestreift wird. Ein geistiges Jerusalem, ein Jerusalem des Herzens, der Seele ist es, das Jeremias dem verzagten Volke für die Zukunft verheißt. (Frage: Schauen wir wieder Jerusalem? Antwort: Ewig wird inwendig es schauen, Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist, Und mit dem Maß seines Gottvertrauens Die Tiefe allirdischen Leids durchmißt, Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde Des Herzens Zion zu jeglicher־ Stunde usw., S. 211). Wir fassen zusammen : Das Buch Jeremias der Bibel bringt in realem Gewände der Zeitgeschichte den idealen Gehalt zeitloser, apriorischer sittlicher Wahrheit und Ethik — Zweigs Drama dagegen gibt uns den Leidenshelden, den Träumer und Friedensapostel, den gottestrunkenen Seher und Schicksalskünder, nimmer aber den großen Reformator und sitteniäuternden Volkserzieher, den Gesinnungs- und Gewissensmahner, den Tatmenschen und Denker und Richter. Es sind eben zwei grundverschiedene Auffassungen. Der biblische Jeremias ist mehr Asket mit sorgengefurchten, nur selten von Liebe verklärten Zügen (vgl. cap. 2,3, vgl. auch das Bild von Bendemann: Jeremias auf den Trümmern Jerusalems), der Jeremias Zweig’seher Prägung ist sicher poetisch wertvoll und bedeutsam,, doch mehr auf einen lyrisch zarten, melodramatischen Rhythmus, gestimmt. Wir können nach dieser kritischen Wertung um so rückhaltloser unserer Bewunderung für diese an ästhetischen Höhe-