Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292980-2292987--03137-3528778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
572 Stefan Zweigs ״Jeremias“. daß das von ihm gekündete Schicksal des Volkes durch dieses Volkes eigene Wandlung einen Wandel erfahren könnte. Das Leitmotiv seiner gesamten Mahnreden ist vielmehr: Entweder ihr unterwerft euch freiwillig und suchet den Frieden, oder ihr müßt untergehen. Der Jeremias der Bibel dagegen wird nicht müde darauf hinzuweisen: Das Volk verdient sein Geschick, es trägt die Schuld seines Schicksals in sich selbst (cap. 16,5, ‘7,16 u. a. a. 0.), der biblische Jeremias fordert eine öffentliche Moral, ״nicht nur Moral in der Politik, sondern Moral als Politik“. Die Gesamtheit und ihre Vertreter müssen heilig und gottgefällig leben und handeln, Gerechtigkeit und Wahrheit müssen die wahren Stützen der Gesellschaft werden, wenn sie sich halten sollen, Jeremias fordert somit schon eine soziale Ethik. Keinen sozialen Stand verschont er, über Herrschende und Beherrschte schwingt er seine Geißel, über die Großgrundbesitzer, die mit ihrer Latifundienwirtschaft den Mittelstand vernichten, über die Priester, die über den Lippendienst den Dienst des Herzens vernachlässigen, über die falschen Propheten, die mit ihren Gleißnerreden das Volk in falsche Sicherheit wiegen, endlich über alle Klassen der Bevölkerung, weil auch unter ihnen die בעלי אמנה, die Redlichen und Rechtübenden in Handel und Wandel fehlten (s. dazu cap. 5,1), also nicht bloß für die Religion, sondern auch für das soziale Leben überhaupt, für die Beziehungen von Mensch zum Menschen stellt der biblische Jeremias das höchste ethische Postulat auf1). Nicht die Tatsache der nackten Macht, sondern die Freiheit des Willens und Handelns ist der Primat des höchsten Menschentums. Von all dieser sittlichen Strenge ist iiF Zweigs Jeremias fast nichts zu spüren, von jenem heiligen Zorn, jenem flammenden Haß und unversöhnlichen Protest gegen das Böse fehlt das erlösende Wort. Das Dämonische, das religiöse Genie, die blitzeschleudernde, Könige, Vornehme, Völker ob seiner Gottbesessenheit vor sein Gericht ladende und zer- י) Treffend weist Lazarus auf die Stelle in Chagiga 14 a hin, wo der Aussprueh von לא חרבזע ירושלים עד טופסקו מומבד! בעלי אכלכדל :רבא •dahin interpretiert wird: בדברי תורה! דוו ,במ<2וא דבנלוזך לא ד!וד.