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Jeschurun · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · page 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Stefan Zweigs ״Jeremias“. 57! und nicht die biblisch-jüdische Auffassung dem Zweig’schen Jeremias zugrunde gelegt: Jeremias ist eine Kassandra- Gestalt, er trägt sein verhängnisvolles Wissen als ein unabänderliches Fatum in sich, als einzig Wissender unter den Ahnungslosen, und darin besteht und daraus folgt seine ganze Tragik: ״Nur der Irrtum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod.“ Trotz aller Lebensfülle und Wirkungsgewalt seiner Worte im Drama ist des Jeremias Macht begrenzt, er muß ein passiver Held bleiben, ihm fehlt das sittliche Pathos, die Handelsfreiheit des sittlichen Charakters, er und sein Volk sind an ein Schicksal gebunden — und darum kann er an seinem und seines Volkes Geschick nichts ändern. ״Israels Geschichte ist eine Geschichte des moralischen Prinzips“ (zitiert Lazarus a. a. 0. aus Knobel), und dieses moralische Prinzip, das sittliche Problem fehlt beim Jeremias des Dichters gänzlich. Zwar ist Jeremias auch bei Zweig der mahnende, zürnende, strafekündende, niederreißende Volksprediger, der den Klein״ geist und Wankelmut der Straßenmenge mit Flammenworten geißelt, doch die sittliche Größe fehlt‘ ihm. Nicht kündet er~ wie in der Bibel: Vertragseid muß gehalten werden, es ist eine ethische Forderung, sonst muß der Staat als Hort der Sittlichkeit untergehen, sondern der Staat muß untergehen, weil — Gott (fast möchte man sagen: ein Orakel) es so bestimmt und ihm im Traume gekündet hat. Zwar unterliegt auch seine Gemütsstimmung bisweilen gewissen Schwankungen, Jeremias beginnt Gottes Güte zu preisen, als er von dem vermeintlichen Siege Judas und Ägyptens über Babylon Kunde erhält (kn HI. Bilde), doch dauern diese Schwankungen nur kurze Augenblicke, Gott hat ihn eben nicht auserwählt, seine Träume erweisen sich eben als Irrtum, und keineswegs ist etwa das Schicksal gewendet, weil das Volk und seine Führer sich zum Besseren gewendet haben. Jeremias zweifelt, doch er zweifelt (im Drama) nicht, ob das Verhängnis auch unfehlbar über das Volk hereinbricht, sondern er zweifelt an seiner eigenen Auserwähltheit, an seiner Sendung, an der Wahrheit seiner Träume, keineswegs denkt er dabei objektiv daran.,.

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