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Jeschurun · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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570 Stefan Zweig’s ״Jeremias״. Wir stellen die Behauptung auf, daß, so sehr sich das antike Orakel von der jüdischen Prophetie seinem Wesen nach entfernt, so sehr besteht eine Wesensfremdheit zwischen dem biblischen Jeremias und dem gleichnamigen Helden der vorliegenden Dichtung. Nach Lazarus (a. a. 0.) ist einer der Wesensunterschiede zwischen dem Orakelspruch und der Prophetie folgender: Das Orakel ist ein Absolutes, Götter und Menschen Beherrschendes, ein blindwaltendes Verhängnis; das heidnisch verkündete Schicksal steht fest in der Zukunft, es gibt keine Bettung, keine Bedingung und keine Büekkehr So ist es bei Astyages und Cyrus, so bei Ödipus, so bei Agamemnon. Es hängt dies (so fügen wir hinzu) mit der Weltanschauung der Griechen und ihrem Verhältnis zu ihren Götterif überhaupt zusammen: Der Mensch ist ein Spielball der Götter, und kein Verdienst und keine moralische Qualifikation kann das Menschengeschick beeinflussen (״Es fürchten die Götter das Menschengeschlecht. Sie halten die Herrschaft in ewigen Händen.. Und können sie brauchen, wies ihnen gefällt״ usw., Parzenlied, Iphigenie auf Tauris). Ganz anders ist die jüdische Gottes• auffassung und demgemäß die jüdische Prophetie. Nach jüdischer Auffassung steht ein Prophetenspruch niemals fest. Die Prophetie ist die Verkündung von Gottes Batsehluß, dieser jedoch kann, je nach dem Wandel des Menschen, und dieser wieder je nach seiner sittlichen Veranlagung und Ent־ faltung bis zum letzten Augenblick, d. h. bis sich das Ereignis, tatsächlich vollzieht, geändert werden So ist es bei Jonah und Ninive und in vielen anderen biblischen Beispielen (deutlich sagt Jeremias in cap. 26,3: Vielleicht hören sie und kehren um von ihrem bösen Wege, und ich bedenke mich wegen des Unheils, das ich gesonnen bin ihnen zuzufügen). Bezeichnend für die Denkart Jeremias ist sein Beispiel vom Töpfer und seinen Gefäßen (cap. 18), dieser kann denselben Ton, wenn ein Stück mißraten ist, jederzeit umformen und neugestalten, also ein Symbol für die Umkehr des Unheils, sobald der Mensch sich bessert. Nach unserer Meinung ist nun die heidnisch-antike

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