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Jeschurun · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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566 Stefan Zweig’s ״Jeremias“. salsweg Israels kündet Jeremias: Nicht zum Frieden sind wir erwählt unter den Yölkern, Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal unser Acker, Gott unsere Heimat in der Zeit, Leidensvolk—Gottesvolk, dies ist unsre Ewigkeit, dies unsre Erneuerung, Untergang ist unser Anbeginn, Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung, Erniedrigung macht uns erst gottesnah . . . . (p. 205). Dies sind die Umrisse dieses zweiffellos bedeutenden Dichtungswerks, das jedem Juden etwas Bedeutsames bringt, gleichgültig, welcher Parteirichtung er auch angehören mag. Welchen Standpunkt geziemt uns, den Thoratreuen, einem solchen ästhetischen Werke gegenüber einzunehmen? Darf überhaupt beim Genuß eines ästhetischen Werkes die ethische oder religiös wertende Kritik ansetzen und Fragen nach Nutzen und Schaden stellen? Ist das: aut prodesse volunt aut delectare poetae des Horaz noch heute gültig? Gewiß sind wir heute nicht mehr einseitig genug, um ein Kunstwerk je nach seinem moralischen Nutzen oder Schaden abzuurteilen. Wir werden vielmehr ein jedes Kunstwerk wie jedes Naturphänomen, sofern es unser Schönheitsgefühl anspricht und wir es mit reinen Sinnen genießen können, als gottgeweihtes Himmelsgeschenk begrüßen und ihm sogar grade dank seiner ästhetischen Wirkung eine moralisch läuternde Kraft zuerkennen und uns seiner Schönheitsfülle hingeben. So wird daher auch jeder Jude, gleichviel welcher Partei- Schattierung, den Schönheitsquell unsrer vorliegenden Jeremias- Dichtung mit von Szene zu Szene gesteigerten Andachtsschauer schlürfen, die ideale, ja fast antike Größe dieser menschlich großen Jeremias-Gestalt auf sich wirken lassen, die Gedankenfülle und den seltenen Sprachenadel dieser modernen Prosadiehtung neben dem Original des Urtexts genießen können. Denn einen menschlichen Jeremias will uns Zweig vorführen einen in seinem Leiden großen, erhabenen Menschen, einen kämpfenden, zweifelnden und verzweifelten, von Katastrophe zu Katastrophe wachsenden und sich läuternden, bald mit seinem Gotte hadernden (S. 176f.), bald himmelhoch jubelnden.

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