Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Stefan Zweig’s ״Jeremias“. 561 tischer Wechselrede darzubieten. Das Unternehmen ist so unerhört wagemutig und eigenartig, daß schon der Versuch die höchste Beachtung und Würdigung verdient. Es sei von vornherein gesagt, daß Zweig in weiser Selbstbescheidung nicht etwa den historisch-biblischen Jeremias in dem knappen Rahmen von neun Bildern oder besser dramatischen Szenen zu meistern oder zu erschöpfen die Absicht hatte. Welcher menschliche Griffel könnte auch die Lebens- und Leidensfülle dieses Gotteskämpfers nachzeichnen, die Gedankenschwere und Schicksalstiefe dieses tiefsten Prophetenbuches auch nur annähernd ״bühnenfähig״, sozusagen lebendig wachsend dem Hörer oder Leser vorzuführen sich erkühnen. Aber dennoch! Es ist kein Geringes, was Zweig uns vermittein möchte: Jeremias, den großen Dulder, den ewig Verkannten, den Unsägliches Leidenden, den von seinem Volke Gezeichneten und Verfolgten, der das Schicksal seines Volkes vor Augen; diesem verblendeten Volke, das ihn höhnt und steinigt, sein Geschick immer und immer kündet, weil ihn ein Göttliches dazu zwingt und stößt, sein Leid in die Welt zu schreien — im ganzen eine symbolische Verkörperung des ganzen Volkes Israel, das durch seinen ewigen Leidensweg das klassische Leidensvolk, durch seine Sehermacht und Geistesstärke allen Völkerneine Leuchte, ewig unbedankt, ewig unzerstörbar durch die Jahrtausende schreitet. Ein dramatisches Lehrgedicht, eine Tragödie leidenden Menschentums, die Tragik wissenden Prophetentums gegenüber menschlicher Unwissenheit und menschlichem Kleinmut, das Martyrium des Erleuchteten gegenüber dem Ungeklärten — diese Eindrücke möchte das Drama vermitteln. Wer könnte in wenigen Szenen den Orkan der Gefühle, welche diese Brust zerwühlen, schildern, wer diesen Lavastrom unerhörten Weltleides in ein gebahntes Bett leiten? Stephan Zweig unternimmt dieses schier Unmögliche, und fast gelingt es diesem Kenaissancekünstler und Vollmenschen, diesem Formen- und Sprachgewaltigen, uns zwar keinen göttlichen, aber doch einen mensehlich-großenund irdischglaubhaften Jeremias vor Augen zu führen. 38