Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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560 Stefan Zweig’s ״Jeremias“. hätte doch wenigstens einem unter den zahllosen Dichtern der geniale Wurf gelingen müssen1). Die Ursachen dieser Erscheinung sind nicht so eindeutig. Wir werden vielleicht am wenigsten fehlgehen, wenn wir die Hauptursache darin suchen, daß die biblischen Personen für uns in zu abgeklärte Ferne gerückt sind und legendarischen Wert bekommen haben, daß sie von uns schon sub specie aeternitatis, als Ewigkeitspersonen, mehr geistig-vorbildlich und keiner Versuchung fähig angesehen werden. Hierzu kommt noch, daß uns bei biblischen Stoffen zu viele Einzelheiten zur Bildung des Milieus, der Atmosphäre und der Gegenstands- Stimmung fehlen, die Konflikte und Gegensätze sind zu unkompliziert, die Zuspitzung ist mehr geistiger Natur, daher für große explosive dramatische Wirkungen nur selten geeignet. Die Geschehnisse der Bibel sind meist ziemlich einfach, bald lyrisch-idyllisch, bald leidenschaftlich-tragisch, doch selten in Spiel und Gegenspiel eingeteilt. Daher die vorzugsweise Eignung biblischer Geschehnisse für ״Oratorien, Opern, Melodramen, Epen. (Eine Aufzählung erübrigt sich hier). Nun kommt Stefan Zweig und bietet uns zum ersten Male in der deutschen Litteratur ein dramatisches Gedicht über eine Prophetengestalt: den Jeremias. Diesen Gott• gesandten, jedes Menschenmaß ins Schrankenlose Überschreitenden will der Dichter in eine Begrenztheit zwängen (denn begrenzt und auf Einzelwirkung berechnet ist jedes Drama), das Universalistische ins Individuelle ״verdichten״, das elementare Pathos dieses Gigantischsten unter den Propheten, die Vielfältigkeit seiner Erlebniswelt will der moderne Dichter ״in neun Bildern״ bändigen. Die eigenartige Erlebniswelt grade dieses an der Schicksalswende eines ganzen Volkes stehenden Volksführers Jeremias mag dem Dichter unserer Tage — und dies bildet den aktuellen Reiz der Dichtung — den ersten Anstoß gegeben haben, das Problem des Krieges in drama- ג) Racines ״Esther“ txmd Hebbel's ״Judith״, gewiß geniale Leistungen, haben mit ihren biblischen Schwestern wenig Gemeinsames.