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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-07 · Heft 23 (7.6.1918) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 23 (7.6.1918)
Date
1918-06-07
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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- --: 275 Punkte zu bedeuten, sondern «sie ziehen uns in die idealen Höhen. „Denn nicht vom Brot allein lebt der Menscher lebt vielmehr auch davon, was aus göttlichem Mund ihm ausgetragen wird." Mit diesem Zitat') schloß er seine Entgegnung. „Ich glaube wohl, daß deine Worte aus innerster Ueberzeugung gesprochen sind, und damit wäre auch dein Eintritt in unsere Gemeinschaft gerechtfertigt. Unsere Toleranz den Andersgläubigen gegenüber geht aber so weit, daß ihnen, so sie nur einen rechtschaffenen Lebenswandel führen, auch die ewige Glückseligkeit verheißen ist, ohne an die Hebung zahlloser Gesetzesvorschriften gebunden zu sein. Noch mehr! Der Talmud warnt uns eindringlichst vor Ausnahme eines Andersgläubigen. Ich werde dir sogleich die betreffende Stelle zeigen." Zirndorfer ging.sogleich zum Von oben bis unten dichtgefüllten Bücherschrank, entnahm ihm einen großen Folianten, blätterte darin, und bald hatte er die Stelle gefunden, die er ihm in der Uebersetzung sofort vortvug: „Unsere Weisen lehren: wenn jemand zum Judentum übergehen will, soll man ihm sagen, was bewegt dich denn dazu? Ist es dir denn nicht bekannt, daß Israel in dieser Zeit vielen Demütigungen ausgesetzt ist und von vielen Leiden betroffen wird? Antwortet er darauf, ich weiß es wohl, aber ich fühle mich nicht würdig, an ihren Leiden teilnehmen zu dürfen, möchte aber doch dazu gelangen, nach dieser AeUßerung darf man ihn aufnehmen. Er wird mit einigen leichter und einigen schwerer zu erfüllenden Vorschriften bekanntgemacht; man belehrt ihn über die Abgaben, die er als Feldbesitzer zu entrichten hätte, und macht ihn auf die Strafen aufmerksam, die die Unterlassung des Gebotenen zu erwarten hat. Bevor du in diese Gemeinschaft eintrittst, kannst unerlaubte Speisen du genießen; keine Strafe hast du zu fürchten, wenn du den Sabbat entweihst, aber nach deinem Eintritt bist du verantwortlich dafür. Wisie aber auch, daß ein großer Lohn denen winkt, die die Gebote beachten, und für die Rechtschaffenen ist die jenseitige Glückseligkeit aufbewahrt')." „Diese Argumente," begann Johann, „lassen mich in meinem Entschluß nicht wankend werden, sie bekräftigen ihn nur." Gedankenvoll sah Zirndorser ins Weite, dann kam es wie eine Stimme aus der Ferne über seine Lippen: „Wenn man nur wüßte, aus welchem Kreis du abftammst. Ich werde den Eindruck nicht los, du gehörst durch Geburt zu uns Lassen wir uns noch Zeit; nicht so stürmisch, mein junger Freund. Am Ende wird es sich schon von selbst finden." Unterdessen hatte Zirndorser diese Angelegenheit vor das Forum des Rabbinats gebracht. Ueber die Ereignisse ihrer Beratungen -wurde nichts bekannt. (Fortsetzung folgt.) Mrrsrilchr Mitteilungen. — Wie erziehen w i r unsere Kinder zum Judentum? Ein Vortrag von Dr. I g n a z Z i e g l e r , Karlsbad. Preis 1 Krone. Herausgegeben vom Jüdischen Erziehungsausschuß Prag. Prag 1918,^ Verlag der Redaktion der „Selbstwehr". Der Vortrag behandelt eine wichtige, vielleicht die wichtigste Frage von einer neuen Grundlage aus. Entscheidende Forderungen Werdern darin erhoben, nicht bloß für Oesterreich, sondern auch für Deutschland, z. B. die, daß die Schüler jeder Klaffe in den Mittel- (bei uns höheren) Schulen gesonderten Religionsunterricht erhalten, während bisher bei uns und in Oesterreich infolge der geringen Schülerzahl mehrere Klassenzusammengelegt sind, ferner, daß die Ausbildung und die materielle' Stellung des Religionslehrers von Grund aus gebessert werde, endlich, daß Reichsgem-einden geschaffen und freiwillige Organisationen durchgeführt werden. Allen diesen Forderungen, so bedeutsam und einschneidend sie auch sind, wird man 3) V. Buch Mose 8, 4. 4) Jebamoth sol. 47. freudig zustimmen können; eine andere Forderung dagegen, nämlich, daß in der Woche nur fünf Tage für den Unterricht bestimmt werden sollen und daß außer dem Sonntag auch der Sabbat als schulfreier Tag bestimmt werde, muß ich grundsätzlich abtehnen. Eine solche Forderung scheint mir durch nichts begründet. Selbst wenn sich irgendeine Regierung zu einer solchen Ordnung willfährig fände, würde dadurch ein ganz unnötiges Geschrei der Antisemiten erregt. Aber das wichtigste ist, daß die Gewährung von zwei schulfreien Tagen hintereinander innerhalb einer und derselben Wpche pädagogisch so ungeheuerlich erscheint, daß ich nicht begreifen kann, wie ein so bewährter Schulmann, wie der Verfasser unserer Rede, ein derartiges Verlangen, das nur Schaden, aber keinen Nutzen zu stiften vermag, erheben kann. Der Verein, an dessen 3. Elternabend, am 20. Januar, der Vortrag gehalten wurde, hat im Anschluß daran eine Resolution angenommen, welche die wirtschaftliche Sicherstellung der Religionslehrer und zu diesem Behuse die Zusammenlegung der kleinen Gemeinden in Kreisgemeinden verlangt, sowie auch zu einer politisch unerläßlichen Organisation der böhmischen Judenschast aufruft. L. G. — Mein Weg zum Chassidismus. Erinnerungen von Martin Bube r. 1918. Literarische Anstalt Rütten u. Loening, Frankfurt a. M. An der Zerstörung der Vorstellungen, die wir im allgemeinen von dem Chassidismus haben, wird von verschiedenen Seiten mächtig gearbeitet; der Chassidismus im Gegensatz zu den bisherigen Anschauungen wird nun als die belebende und einzig lebenskräftige Macht der Juden des Ostens dargestellt.- Zu diesen Kämpfern für die neue Auffassung des. Chassidismus gesellt sich Martin Bu-ber. Ich gestehe, daß die meisten Arbeiten dieses von vielen so hochgestellten Autors mich eher abstießen als anzogen; da ich aber keine vorgefaßten Meinungen habe, vielmehr mich gern bekehren lasse, bekenne ich freudig, daß mich diese neue Schrift sehr gefesselt und teilweise entzückt hak. Die Art, wie Buber von seiner Jugend, von seiner inneren Entwickelung, von seiner Auffassung des Chassidismus spricht, dessen Begriff er in den kurzen Worten wiedergibt: „Gott in jedem Dinge zu schauen und durch jede reine Tat zu erreichen", die Charakteristik,, die er von seinem Großvater, dem hochgeschätzten Sälomon Buber, gibt, die Auseinandersetzung, die er über seine Werke, seine Uebertragungen oder richtiger Neudichtungen chassidistischer Märchen und Erzählungen macht, die liebenswürdige Anekdote, die er am Schluß seiner Schrift anmutig erzählt, das alles sind Bilder, die ich mit Begierde gelesen und, wie ich nicht leugnen will, mit Entzücken in mich ausgenommen habe. Ob der gegen< wärtige Chassidismus wirklich ist, wie Buber ihn darstellt, ob die Schilderung, die er von den sogenannten Wunderrabbis gibt, richtiger ist als die, welche Franzos vorgetragen und die man bisher in den weitesten Kreisen für zulässig gehalten hat, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich bekenne gern, daß Bubers Darlegungen etwas ungemein Bestechendes haben. Auch die Form des Vortrages, an der ich bei früheren Buberschen Schriften Anstoß nahm, ist außerordentlich anziehend, einfach, klar, herzlich und eindringlich. Ob ich ein anderer geworden bin oder ob Buber sich geändert hat, lasse ich dahingestellt, aber ich gestehe, daß ich von der neuen Schrift große Erquickung empfangen habe, und beeile mich, meine Leser darauf hinzuweisen. . I.. 6. — M. I. b i n G o r i o n , Vom östlichen Judentum. Religiöses, Literarisches, Politisches. 1918, B. Löwit Verlag, Berlin und Wien. Der Verfasser bietet in vier Abteilungen: Land und Leute, Religion, Sprache, Literatur, Politisches, 17 kleine Skizzen, die alle in jüdischen und nichtjü-dischen Zeitungen abgedruckt waren. Sieht man von der -letzten Abteilung ab, die sich mit dein Zionistischen beschäftigt und einen gewissen Widerspruch gegen politischen Zionismus, eine starke Neigung für geistigen Zionismus bezeugt, so bleiben sehr lesenswerte Arbeiter! übrig. Namentlich die erste Abteilung: „Bilder aus der Ukraine" hat mich sehr gefesselt. Es sind reiche Bilder, zwar nicht der politischeu Lage der Juden, aber ihrer inneren friedlichen Zustände. Die Skizzen der anderen Abteilungen sind sehr verschiedenartig. Es sind manchmal Fragmente, manchmal geordnete Ausführungen: die einen sind sehr lehrreich, wie das Kapitel über Chassidismus, andere scheinen mir recht unbefriedigend, wie die über Beten und Talmud. In dein letzteren wird von den kritischen Studien des Talmud, woraus doch

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