Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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274 ersonneneSozialifierung des wirtschaftlichenLebens aufgefordert. Die deutschvölkische Parteileitung hat der Regierung die bestimmte Erwartung ausgesprochen, „daß sie sich mit allen Mitteln der Schaffung eines Rathenauschen „Bienen st a a t e s" widerfetzt, in dem die Deutschen lediglich zur Arbeit verurteilt wären, F r e m d st ä m m i g e aber, die es während des Krieges verstanden, sich die wirtschaftlichen Herrenstellungen zu sichern, die Rolle der Drohnen auch weiter spielen könnten". Auf der jüngsten Generalversammlung des reaktionären Bundes der Handwerker hat der Bundesvorsitzende, Schneidermeister Voigt, laut Bericht seines offiziellen Bundesorgans den Mitgliedern auseinandergesetzt, „daß Bestrebungen im Gange feien, die Selbständigkeit des Handwerks zu untergraben und besonders der bekannte Walter Rat Henau es darauf abgesehen hat, den Mittelstand zu beseitigen, um die k o m m u n i st i s ch e Wirtschaft einzusühren". In dieselbe Kerbe hat dann noch in jüngsten Tagen der konservative Abgeordnete Dr. W i l d - grübe gehauen, als er im Reichstage seine Parteigenossen zum schärfsten Widerstande gegen das Rathenauschc Wirtschqftsprogramm auffordexte: „Der Geist Walter Rathenaus muß vom Reichswirtschastsamt mit Pech und Schwefel ausgebrannt werden." Herr Dr. Wildgrube und seine alldeutschen Parteifreunde halten es freilich lieber mit dem Programm des Herrn v. Oldenburg-Januschau, der für vollständige Freigabe des Handels schwärmt, damit die Preise ins Ungemessene in die Höhe schnellen können. Nicht eine geordnete Verteilung der vorhandenen spärlichen Nahrungsmittel un2 Gebrauchsgegenstände ist ihr Ideal, sondern die Freibeuterei der Besitzenden, die es sich auf Grund ihrer Kriegsgewinne leisten können, auch die doppelten und dreifachen Preise der jetzigen Wucherpreise zu zahlen. Die Handelsmoral dieser Kreise, die angeblich die deutsche Ehrlichkeit in Handel und Wandel wieder zu Ehren bringen und den „undeutschen Handelsgeist" mit Pech und Schwefel ausbrennen wollen, hat ja erst in diesen Tagen die „Deutsche Zeitung" (10. Mai) in geradezu klassischer Weise bekundet, als sie auf die Wertlosigkeit der amtlichen Erfassung der Getreidebestände hinwies und bemerkte, alle diese Zahlen seien falsch: „Es ist viel mehr da. Die ganze papierne Statistik, auf welcher das Rechenexempel unserer öffentlichen Verteilung ausgebaut ist, ist falsch. Der vierte Teil der Ernte wird gestohlen, ehe sie vom Felde kommt. Auch dafür müssen wir dankbar sein. Es ist das eine gesunde Korrektur an den unmöglichen Verordnungen über die Versorgung der. landarbeitenden Bevölkerung." Also die systematische Hinterziehung von Lebensmitteln, die offensichtliche B e g a u n e r u n g des Staates ist nicht etwa etwas Verabscheuenswertes, sondern etwas Nachahmenswertes, wofür man „dankbar sein soll". So erzieht das Hauptorgan , der Alldeutschen das deutsche Volk zu „deutscher Ehrlichkeit in Handel und Wandel"! , Vom Lrtzksltrn?um Grldkattrn. (J. Forts.) Erzählung von M. Schweitzer (München). mit gespannten Sinnen horchte er auf, wenn Zirndorfer nach beendetem Mahl mit seinen Tischgenossen über den Inhalt und die Bedeutung jüdischer Vorschriften sich unterhielt. Selbst an den Sabbatvorträge«, die. Zirndo^y - vyr einem kleinen Zuhörerkreis zu hellten pflegte, nahm Jcchann teil. Es war auch ein Genuß, von diesem - Mann, der ebensogut Kaufmann als Gelehrter war, die Erläuterungen zu den Wochenabschnitten zu hören. Selbst tief durchdrungen vom göttlichen Gesetz und wohl erfahren in den jüdischen Schriften, wußte er die sprödesten Stoffe seinen Hörern. genußfroh vorzutragen. Er war weit davon entferntirgendwie nach Art . der-Proselytenmacher aus die religiöse Selbstbestimmung Johanns einzuwirken. Wenn er sich auch immer sagte, der Junge muß ein Kind jüdischer Eltern sein, so wagte er. es doch nicht, direkt einzugreisen. Der Zufall wird entscheiden. - *. HI. Ein fester Entschluß. In Zirndorfers Druckerei wurden Druckwerke aller Art, besonders Schriften jüdischen Inhalts, hergestellt. Als Spezialität wurde der Druck der Luach^) betrieben. Johann begnügte sich nicht mit dem mechanischen Setzen derselben, die jüdischen Stichworte zu beiden 'Seiten der Längsreihen regten ihn zum Nachdenken an. Wochenabschnitte und Festzeiten, die darauf verzeichnet waren, kannte er geläufig, auch mit der Ankündigung und dem Beginn der Monate war er längst vertraut. So ließ er sich denn auch darüber belehren, welche Erinnerung die vielen Zwischenbemerkungen, im Kleindruck dargestellt, zu bedeuten haben. „Da ist ja fast kein Tag, der nicht durch irgendein Ereignis der Vergangenheit, durch eine Vorschrift, die sich an den Wandel in der Natur knüpft, sestgehalten wird. Das ganze Judentum ist mit einem Kranz von Erinnerungsblumen umgeben. Jchffehne mich danach, dieser Gemeinschaft ganz anzuhören", solche Worte sprach Johann vor sich hin. Dieser Gedanke ließ ihn nicht mehr los, beschäftigte ihn so sehr, daß sogar Zirndorfer eine Aenderüng in seiner Wesensart zu bemerken glaubte. Bald sollte er auch erfahren, was in der Seele des jungen Mannes zu reifen begann. Eines Tages hielt Zirndorfer nach dem Mittagsmahl ihn zurück und befragte Johann, was denn ihn feit einiger Zeit so sehr bewegte. „Bedrückt dich irgendein Kummer, hast du böse Nachricht von deinen Pflegeeltern erhalten, oder was ist es sonst, das dir auf dem Herzen liegt und dein Gemüt so verändert zeigt? Sprich es dir vom Herzen, vielleicht kann ich mit Rat und Tat dir darüber hinweghelfen." „Herr Zirndorfer", sprach Johann mit bewegter Stimme, „es ist ein Plan in mir gereift, den auszuführen, das Glück meines Lebens ausmachen würde. Ich will Jude werden. Können Sie mir den Weg dazu zeigen?" „O mein junger Freund, du sprichst ein großes Wort gelassen aus! Es ist gar nicht so einfach, wie du dir es denken magst. Sieh, das Judentum verlangt viel von seinen Bekennern. Wenn du das Haus deiner Pflegeeltern mit dem meinigen vergleichst, wirst du wohl den Unterschied erkennen. Der Jude ist umgeben von einer Fülle von Gesetzen und Vorschriften, auf Schritt und Tritt begegnen ihm Hindernisse. Dazu kommen die zahlreichen Feiertage, die ihm jede Arbeit verbieten und ihm im Dorwärtskommen, im Kampf des Daseins hemmende Fesseln anlegen. Würdest du später, wenn du dieses Joch tragen willst, den Schritt nicht bereuen?" setzte Zirndorfer ihm auseinander. Johann erwiderte: „Gerade Ihr Haus hat mir gezeigt, daß die religiösen Uebungen keine Fesseln bilden. Im Gegenteil, sie gehen dem täglichen Leben einen edleren Inhalt, sie verklären die Tage. Ich finde auch in der Feier der Ruhe- und Festtage nur das Mittel, dem Leben auch einen idealen Inhalt zu geben. Die Arbeit zieht den Menschen ganz in den Bann des materiellen Seins hinab. Die Festtage scheinen mir nicht nur Erholungs- ,. ■) Jüdischer Kalender.