Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
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fierung der Rohstoffe den Anfang gemacht. Ballin die Anregung zur Gründung, der Zentral-Einkaufs-Gesellschaft gegeben. und B. Mayer (Düsseldorf) di« Errichtung der Kriegsgetreidegesellschaft in--die..Hand genommen hat, ebenso an anderen Organisationen jüdische sat^ierständige Kaufleute hervorragend mitgewirkt haben, gilt nun gleichwohl diese gesamte Zenhcalisterung der einzelnen wirtschaftlichen Gewerbe den Antisemiten als ein schlau berechneter Schachzug zur »Wirtschaftlichen Versklavung der Christenh ei t", wie es schon im vorigen Jahre in dem Wiener Hauptorgan der Christlich-Sozialen hieß. In den letztenWochen hat die österreich i fche Ehristlich-sozial e Partei unter dem Deckmantel der Verteidigung und der Rettung des schwergeprüften Mittelstandes einen förmlichen Kreuzzug gegen diese Kriegszentralen gepredigt und Massenversammlungen veranstaltet, an denen die Elite der Partei, Prinz Liechtenstein, Bürgermeister Dr. Weißkirchner und eine Reihe von christlichsozialen Parteiführern teilnahmen. Was sich speziell der christlich-soziale Abgeordnete Dr. M a t a j a in diesen Versammlungen an aufreizenden und hetzerischen Aeuherungen gegen die Juden zuschulden kommen ließ, übersteigt alles das, was bisher auf diesem Gebiete von antisemitischer Seite gleistet worden ist. Zur Illustration dieser blutrünstigen christlichsozialen Phraseologie nur folgende Proben: »DieZentralen sind ein ejüd is che Erfi nd u ng. Sie sind deshalb zum Nutzen der Juden und zum Schaden der bodenständigen Bevölkerung. Das christliche Volk ist wahrscheinlich noch nicht genug aus g ebeutet! Wenn Sie heute in eine Zentrale hineingehen, wen sehen Sie dort? Nur Juden. B esten falls ist die Ab waschsrau eine C h r i st i n, aber oberhalb derselben werden Sie keine Christen in einer Zentrale finden. Deshalb hat das Recht zu einem K,achpfegegen die Ze ntt alen auch nur derjenige, der nach seinem Politischen Programm Antisemit ist. Alle diejenigen, die heute den Kampf gegen die Zentralen ehrlich und aufrichtig führen, erwerben sich daher nicht nur ein V e r - dienst um die Existenz des Handels- und Gewerbestqndes, sondern auch um die Inschutznahme der christlichen Bevölkerung vor dem Druck des Judentums." In einer zweiten an demselben Tage abgehaltenen Massenversammlung brachte Dr. Mataja das Kunststück fertig, diese eigene Hetzleistung noch zu übertresfen: »Allenthalben sehen wir, daß das Christenvolk halb verhungert durch die Straßen schleicht, daß die C h r i st e n k i n d e r hohlwangig und hohläugig ihre Jugend verkümmern sehen, während die Judenbuben, wohlgenährt und ausgefressen, sich über ihre weniger glücklichen Kameraden lustig machen." In der „K ö l n i sch e n Z e i t u n g" war jüngst behauptet worden, daß das Deutschtum in Oesterreich seine stärksten Stützen finde „in dw Deutsch-nationalen und in der Christlich-sozialen Partei, in der letzteren leider mit einer antisemitischen Durchmischung, die geneigt und geeignet ist, das deutsche Judentum abzustoßen, statt seine bedeutende geistige und wirtschaftliche Kraft für die deutsche Sache zu ge-» Winnen und nutzbar zu machen." — Mit den Verhältnissen in der Donaumonarchie weniger vertraute Leser könnten hieraus den Schluß ziehen, daß die D e u t s ch - na tionalePartei in Oesterreich dem Judentum objektiver gegenüberstehe. Das wäre jedoch ein Trugschluß, denn die „O st d e u t s ch e R u n d - schau", das offizielle Organ der alldeutschen Antisemiten in Wien, bekämpft das Judentum nichtwenigergehässig als das christlich-soziale Blatt. Ein Wortführer der Deutsch- Nationalen, Prof. Dr. A n g e r e r, hat auf dem jüngsten deutschen Vvlkstag in St. Beit nach dem Bericht des »Grazer Tageblatts" ausdrücklich erklärt: „Unsere Vertreter müssen der Regierung endlich erklären, daß es so nicht weitergehen kann, daß der Verräter triumphiert und der jüdische Geld sack regiert." Das Judentum in Oesterreich geht — darüber darf man sich nicht täuschen — nach dem Kriege nicht minder schweren innerpolitischen Kämpfen entgegen wie die Juden in Deutschland. Das in Men zuerst auSgegebene Schlagwort gegen die »jüdischen Zentralen" hat aber auch bei den deutschvölkischen und altdeutschen AntiseMten in Deutschland einen fruchtbaren Boden gefunden. Wie erinnerlich hat di« „D e u t s ch e Z e i t u n g" schon vor einigen Monaten eine ähnliche Attacke gegen die Zentral-Einkaufs-Gesellschaft geritten, von der fie behauptete, daß eine ganz unverhältnismäßig große Anzahl von Juden leitende Stellungen in ihr bekleide oder als Aufkäufer im Auslande fungiere, und daß diese Juden ganz enorme Gehälter bezögen. Ebenso höhn t e die „Deutsche Zeitung" (5. Nov. v. I.) über die, „die den Krieg mehr nur von der ungefährlichen Seite des Lebensmittelhandels kennenlernen", und der Konservative, Herr v. G r ä f e, entrüstete sich im Reichstage (23. Febr. d. I.) über die Drückeberger in den Kriegsgesellschaften: »Jetzt füllen sie, an den Fingern große Ringe mit Brillanten, Perlnadeln in den Schlipsen, die Coupös erster Klasse." Diese ungerechten Vorwürfe und Schmähungen haben selbst einen Kurd v. Strantz, den bekannten alldeutsch-antisemitischen Publizisten, in den Harnisch gebracht, der im „Reichsboten" seine Freunde warnte: „Es muß anerkannt werden, daß Beamte wie Private, die sich in den Dienst dieser Kriegsgesellschasten gestellt haben, geradezu Hervorragendes geleistet haben, und daß meines Erachtens trotz gelegentlicher Fehler, die stets Vorkommen werden, wir eigentlich'ein Höchstmaß geschicktester Organisation erreicht haben, das man im Anfang des Krieges kaum erhoffen durfte. Ich selbst habe anfänglich über die hohen Kosten dieser Kriegsgesellschaften geklagt, habe mich aber bei einer Gesellschaft überzeugen müssen, daß das Verhältnis keineswegs ein ungünstiges ist. Ich meine die Kriegsgetreide-Gesellschaft, wo die Handelsunkosten sich nur auf 97 Pfennig für die Tonne stellen, die durchschnittlich für 250 Mark zu bewerten ist. Dies ist k a u f m ä n n i s ch ein durchaus gutes Verhältnis." Der Begründer dieser von Herrn v. Strantz so rühmend hervorgehobenen Kriegsgetreideorgamsation war bekanntlich der jüdische Getreidehändler B. Mayer (Düffeldorf), der dann später zum offiziellen Lebensmitteldiktator der Türkei avanciert ist. Das vernichtendste Urteil über das Kesseltreiben gegen die Kriegszentralen hat aber wohl ein so sachkundiger Mann wie der bayerische Zentrumsabgeordnete Dr. Heim gefällt, der in einer Versammlung des Christlichen Bauernvereins in München nach einem Bericht der »Täglichen Rundschau" erklärte: „Die ganze Anti-Zentral-Einkaufs-Gesellschaft-Literatur stammt erstens von naiven Leuten, zweitens von Schiebern, drittens von unehrlichen Elementen, die wissen, daß sich die Zentral-Einkaufs-Gesellschaft nicht verteidigen kann. Die Zentral-Einkaufs-Gesellschaft ist notwendig, aber nicht fehlerlos." Der „Reichsbote", der oft genug in das Geschrei über die „jüdischen Kriegszentralen" mit eingestimmt hat, schrieb damals hierzu: »Das Urteil Heims über die Zentral-Einkaufs-Gesellschast wird man unterschreiben können." Schon werden alle mi ttelständ leri sch en Organisationen zum-heiligen Kampfe gegen die von dem „Juden" Walter Rathonau und dem „Judenstämmling" Dr. Dernburg zur »wirtschaftlichen Versklavung des Christentums" aus-