Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Erbarmen. Wir wurden in ein noch von Unbilden verschontes Haus genommen «und gepflegt, soweit es nur die Verhältnisse erlaubten. Man tröstete uns, sorgte für Unterkunft und vieles andere mehr. Vom Vater und von den Brüdern war gar keine Nachricht eingetroffen. Auch sie haben wir als verloren aufgegeben. Wenn einem Böses zustößt, so verfolgt es ihn auf Schritt und Tritt und bei jeder sich darbietenden Gelegenheit. Wozu und für wen haben wir von neuem einen Kampf um das bißchen Leben ausgenommen? Ist es wirklich wahr, daß map für ein. Atom Leben die größten Qualen erduldet? Wäre es denn nicht bester von der Natur eingerichtet, wenn sie die sich Quälenden, Krüppel und Unheilbaren zur Beendigung ihres jämmerlichen Daseins verhelfen würde? Aber der durch die Natur eingeimpfte Egoismus im Menschen geht ständig als Sieger hervor.: Er spornt den Menschen zu neuen Taten an, ja, er zwingt ihn, von sich aus die Hindernisse zu überwinden, um-zu atmen und die Ereignisse mitzuerleben; denn ist sein Leben einmal aus, so meint er, hört auch das Leben und Treiben auf der Erde aus. Der Egoismus hat sogar den Bor- oder Nachteil — wie man es gerade nimmt —, die Krüppel und Kranken zur Fortsetzung des Lebens — wenn man es bei ihnen so nennen darf — zu bewegen. Alles um das bißchen Leben! — Nach einem Zeitraum von einigen Wochen hatten wir es durch eigenen Fleiß so weit gebracht, daß wir das Leben einigermaßen fristen konnten. Freude und Glück währen aber selten lange. Die Nachricht, daß unser. Vater in einem russischen Gefängnisse sein für das Allgemeinwohl nützliches Leben ausgehaucht habe, traf unS wie Blitzschlag. Da standen wir wieder vor jenen unlösbaren Rätseln: Was nun? Die Natur löst Rätsel leichter als der Mensch. Die Russen kehrten zurück. Bei der ersten Invasion zerstörten sie alles. Sie schändeten Mädchen und Frauen auf offener Straße. An Vermögen hatten wir ja nichts zu verlieren. Nur unsere Ehre wollten wir schützen; entschlossen uns daher, wieder zu flüchten. Es gibt Menschen, die über sich zentnerschwere Lasten ergehen lassen können und dabei standhast hart wie Stahl bleiben, während andere bei der geringsten Sorge gleich zusammenbrechen. Das sind derartig schwache Naturen, daß sie nicht in der Lage sind, sich selbständig einen Weg zu ebnen; die ersteren trotzen der schwersten Zeit und nehmen sie noch als die beste hin. Eine solche Natur wurde ich, nachdem die Ereignisse des Krieges so hart an meine Seele gepocht haben. Was weiter kam, machte mich zum Amboß. Kaum waren wir so weit, den unheilvollen Weg anzutreten, als eine Granate in die Stadt einschlug, meine Mutter verstümmelte, während sie die Schwester zum Krüppel schlug, denn sie verlor vor Schreck die Sprache und erhielt eine rechtsseitige Lähmung. Meine weitere Pflicht war, den Krüppel in meine schwesterliche Fürsorge zu nehmen. Wir betraten dann einen unbekannten Weg. Weder Ettern noch Mittel zum Bestreiten des Bedarfs — mit einem Krüppel, der der peinlichsten Pflege bedurfte. Wie es in meinem Innern ausgesehen hat, ist unmöglich wiederzugeben. Genug, ich war mir der Schwierigkeit der Lage vollauf bewußt, doch ich zögerte nicht einen Augenblick mit der Ausführung meines einmal gefaßten Planes, Um nicht mehr religiösen Kränkungen ausgesetzt zu sein, entschloß ich mich, in einer größeren Stadt Ungarns mich niederzulassen, da Ungarn in dieser Beziehung loyaler denkt. Es folgten für mich schicksalsschwere Tage. Tage der schwersten Sorgen. Kämpfe auf Kämpfe. Ein Ringen löste das andere ab. Ich mußte mit Kopf und Armen arbeiten, um das Notdürftigste bestreiten zu können. Der Krüppel verbrauchte in jeder Hinsicht das Doppelte als ich. Endlich, nach langem Harren und Bangen, erhielt ich durch das Rote Kreuz die Nachricht, daß der jüngere Bruder den Heldentod erlitten hätte, während der ältere in einem Spital in B. verwundet läge. Der Zufall brächteesmitsich, daß wir uns in derselben Stadst in der der Bruder lag. aüfhiektenotztre aber vvneinander irgend' etwas inErfahrung gebracht "'zu hcibem Ich lief zu ihm Und fand^ihn in guter Verfassung! 'Trotz des verlorenen Blutes. —- Ich' durchlebte mit ihnt Noch — einmal die Zeit des Glückes üM des Unglückes Md verlor bei jeder Episode einen -Teil meiner Kräfte. Er verfolgte heldenhaft den Gang der Erzählung und schaute mir unaufhörlich in die Augen. Als ich plötzlich innehielt, erhob er sich im Beste und ließ sich vernehmen: »Leiden und Kämpfen ist das Los eines Juden, doch hilft ihm stets die ihm innewohnende unauslöschliche Hoffnung auf besteig Zeiten. Wir'sind heute, nunmehr Waisen und Krüppel, uns selber überlassen, alles hat man uns genommen; doch unseren Glauben und unsere jüdische Hoffnung kann man uns nicht nehmen. Solange wir alsii diese besitzen; wollen wir und müssen wir weiterkämpfen. So. liebe Schwester, verzage nicht, sondern laste deine in dir schlummernden Kräfte von neuem aufleben, bedenke, es geht um die Ehre und den Namen unserer Eltern, dem Judentume weitere Kämpfer zu gewinnen. Wir alle müffen die Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Juden gleich anderen Nationen erwirken. Ich werde, auch als Krüppel, für diese beiden Aufgaben mit Leib und Seele eintreten. In mir regen sich wieder die alten motorischen Kräfte mit neu hinzugesellten Erfahrungen. Und du mußt mir bei meinem Werke behilflich sein." O Unsere Heimatstadt hat bereits die dritte und letzte russische Invasion durchlebt. Sie ist ebenso wie ihre Helden zum Krüppel geschlagen worhen, sie hat schwere Zeiten durchlebt. Lange, lange Jahrzehnte werden verstreichen, bis sie wieder ein Leben ausweisen wird. Mit der Zeit wird sie wieder zur Stadt heranwachsen, und damit werden die erlittenen Wunden verheilen; doch viele ihrer blühenden Menschenleben wird sie nie mehr Wiedersehen, sie sind vom reißenden Strom — Krieg genannt — an den Felsen zerschellt. Was nicht vom feindlichen Eisen und Feuer vernichtet wurde, ging vor Schmerzen und Scham unter. Die Flüchtlinge aber — das sind durchwegs Juden, denn andere hatten es nicht nötig, vor den Moskowitern zu flüchten — haben in diesem Kriege am schwersten gelitten. Sie hüben ihr Hab und Gut, Gesundheit und Leben geopfert. Folianten würden nicht genügen, ihre Leiden aufzunehmen. Die Geschichte, und nicht zum geringsten die jüdische Geschichte, wird sie in ihren Reihen als Märtyrer aufnehmen müffen. Sie haben als Herkulesse gelebt und viele ihrer Besten haben als solche ihr Leben ausgehaucht. Mögen die auf diese Weise gebrachten Opfer dem Judentum endlich dasjenige bringen, das zur steien und ungestörten Entwicklung einer jeden Nation, in dem Lande, in dem sie lebt, notwendig ist. Mögen also diese Opfer nicht vergebens gebracht worden sein. Oder waren es nur Flüchtlinge? .... Bit Kriegszentrslen und tue Juden. Von Karl Hilmar. u denjenigen wirtschaftlichen Kriegsorganisationen, die auf unserem Handel und den verwandten Erwerbsständen schwer lasten, gehören in erster Linie die verschiedenen Wirtschaftszentralen. Sofern durch sie der KlernhandÄ lahmgelegt oder ganz ausgeschaltet wird, werden natürlich auch viele Tausende von jüdischen K l e i n h ä n d l er n, die in manchen Städten des Ostens einen sehr starken Prozentsatz bilden/ebenfalls auf das schwerste geschädigt. Da Malter R a t h e n a ü zu Anfang des Krieges mrt seiner großzügigen, von dem damaligen Reichskanzler und drei. Kriegsministern mit höchsten Worten der Anerkennung ausgezeichneten Organi-