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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-07 · Heft 23 (7.6.1918) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 23 (7.6.1918)
Date
1918-06-07
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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271 undKeweisM zurückzuweisen. Dank unserer sozialen Stellung gelang uns. dies Wer, als wir annehmen durften. Dennoch änderte dies nichts an der Sache, daß die Judenverfolgungen und He^n an Dimension Zunahmen. Es ist ja möglich und erklärlich, daß die nahe Lage der Stadt an der russischen Grenze all dies verursachte, da ja bekanntlich das Böse epidemische Verbreitung findet; doch sollte man annehmen, daß .Kultur vor Roheit, Krankheiten und anderen Uebün schützt. Nichts von alledem. So traf uns der Krieg: der Zerstörer aller Güter und alles Glückes. Zwei Brüder tauschten sogleich den Zivilin den Wafsenrock um. zogen hinaus, um ihre heißumstrittene Scholle zu verteidigen. Sie liehen ihre Studien, ihr geliebtes Heim, Eltern und Geschwister zurück, um zur Rettung ihres angegriffenen Vaterlandes herbeizueilen und ihr Gut und Blut zu opfern. Ach! Unglück, wie rasch greifst du um dich, wie schwer sind deine Taten und wie zerstörst du all das, was mit dem Schweiße des Angesichts geschaffen und errichtet wurde. Du prüfft den Menschen mit all deinen Schrecken und lässest ihn den Inhalt des Bitterkelches hinunterstürzen. Du hast sogar die Gewohnheit, an allen Toren und Türen der Menschheit anzupochen. Die Russen überschritten über Nacht die Grenze und standen nun vor den Toren der Stadt, als man uns flüchte ließ. „Rette ein jeder, was er kann!" Dies war die Parole. Die Mutter und wir beiden jungen Mädchen flüchteten mit dem, was wir am Leibe hatten, da die Zeit zu kurz bemessen war, um mehr mitzunehmen. Die siebzigjährige Großmutter und der Vater blieben zurück. Die ersteve wegen Altersschwäche, der letztere, um das verbliebene Vermögen, das in unbewegliches! Gütern bestand, zu schützen. In Eile wurden zwei Pferde vor den Wagen gespannt, das Allernotwendigste an Proviant aufgeladen, eine Kuh hinter dem Wagen angebunden und von der geliebten Heimat und den Angehörigen ein Abschied genommen, als hätten unsere Gefühle gewußt,!daß wir tue letzteren nie Wiedersehen würden. Abschiedsgefühle lassen sich nicht zu Papier bringen, sondern zehren an der Seele wie Würmer. Eine Zigeunerhovde nach der anderen verließ die Tore der Stadt, die einem unbekannten Schicksal entgegenging. Den Tag über bewegte sich der Auszug, des Nachts wurde in irgendeinem Dorfe gerastet. Später hielten wir uns je einige Tage in größeren Ortschaften auf, um nähere Nachrichten über den Stand der Schlacht in Erfahrung zu bringen. Die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Heimat verließ uns keinen Augenblick. Alles war nur Hoffnung und Selbsttäuschung. Der Proviant nahm von Tag zu Tag ab, das Viehstück verlor, der Ueberanstrengung und mangelnden Ernährung wegen, sichtlich an Kräften und wir mit ihnen. Gedankenqualen! . . . Was wird aus dem Vater und dem zurückgelassenen Vermögen werden? Wo mögen die Brüder sein? — Ihr Los? — Ihre Sorgen um unser Schicksal? Der Krieg schont niemanden und nichts. Was chm im Wege liegt oder kommt, fegt er wie ein Sturmwind hinweg. Der Krieg vernichtet Menschen und Werte. Man sagt, er habe auch die Eigenschaft, neue zu schaffen . . . Die Ungewißheit, Lage, Ziel, Zukunft und ähnliches mehr! Das sind Gedanken, die ärger als Folterqualen martern. Diese Fragen hämmerten in meinem Gehirn wie auf dem Amboß in einer Schmiede. Die Moskowiter waren uns stets auf der Fährte, und durch die Lust ertönten unaufhörlich Schüsse, die unsere Nerven iU größte Spannung brachten. Eiskalte Schauer durchliefen unsere ermüdeten Körper. Aber das Maß der Verfolgung war noch nicht voll, als wir fast am Rande unserer psychischen und physischen Kräfte angelangt waren. Am Fuße der Karpathen, wo sich noch einige Familien hinzugesellten, rasteten wir einige Tage; da wollte das Schicksal, daß auch wir dem Todesengel in die Augen schauen sollten. Ich pfiff nach dem Hunde, der sich auf unsehbare Weite entfernt Hatte und also den Wagen unbeschützt zurückließ. Plötzlich trat ein wachthabender Soldat an mich heran — und verhaftete mich mit der Beschuldigung, ich signalisierte mit dem Feinde. .Meine Bemühungen, ihm seine Behauptung zu widerlegen, halfen nichts. Auch die vorgelegten Beweise seitens meiner Mutter und Schwester erreichten nicht den Zweck. Im Gegenteil, auch sie wurden verhaftet und sollten dem Kommandanten vorgesührt werden; da er aber nicht anwesend war, zwang man uns Ketten um die Hände auf. Der Tod stand mir lebendig vor Augen. Ich sah ihn in wahrer Größe. Da schwand mir für einige Augenblicke die Wirklichkeit. Ich verfiel in ein Delirium. Unschuld . . . Tod . . . Ende . . . Nach sechs langen folternden Stunden überzeugte sich der angelangte Kommandant, nach einer genauen Leibes- und Wagendurchsuchung, daß es sich nur um Flüchtlinge handle, und ließ uns unsere „Reise" sortsetzen. Täglich wurden 80 Kilometer zurückgelegt. Nach einem zweimonatigen, gefährlichen und an Abenteuern reichen Zigeunerleben machten wir halt. Wahrend der ganzen Zeit blieben wir ohne Nachricht von den Angehörigen. Von einem baldigen Ende des außerordentlichen Vegetierens konnte keine. Rode fein, da die militärische Lage es nicht zuließ. In Ungarn schlugen wir unser Lager auf. Die Kuh und die Pferde wandelten wir in Münzen um, da die Fahrt das ganze mitgenommene Edelmetall aufgesogen hatte. Um weder müßig noch auf Unterstützungen angewiesen zu sein, entschlossen wir uns durch Unterrichtsstunden und mancherlei schriftliche Arbeiten unsere Lage einigermaßen zu verbessern. Unser Entschluß brachte uns dann sehr bald zur Neb-w» zeugung, daß die Beschäftigung über manche Sorgen und quälende Gedanken hinweghilft. Nach Verlauf von einigen Monaten mußten wir nach Böhmen überfiedeln, wo wir das Ende der ersten russischen Invasion abwarteten. Hier wie dort halfen wir uns durch unsere nie abzuschwächende Energie und erstarkten Willen zum Ausharren. Daß wir dem Judentume angehören, ließ man uns überall merken; man war besorgt, daß wir diese Tatsache etwa vergessen könnten. Man kann daher diesen Menschen, die dafür Sorge tragen, daß die Juden ihre Abstammung nicht in Vergessenheit geraten lassen, nur dankbar fein. Sonst wäre am Ende das Judentum schon längst aus dem goldenen Buche der Menschheit verschwunden. Habt also tausendfachen Dank, ihr „Judenfreunde", für euer wachendes Auge. Die Flüchtlingszeit war nunmehr beendet, wir kehrten in die Heimat zurück . . . Ach! ... in die Heimat! Wie sah nun diese aus? Ein Durcheinander von Ziegelsteinen, Ruine auf Ruine! Verbrannt, zerstört, geplündert und gemordet. — Ich habe meine Heimat nicht wiedererkannt. Wo stand unser Haus, wo wurden wir .geboren, erzogen und . . . Meinen Vater haben die Russen ins damalige Zarenreich verschleppt, angeblich wegen Oesterreichsreundlichkeit. Die Großmutter erschlagen, weil sie zwei österreichische Gefangene, die aus der Gefangenschaft entfliehen wollten, verborgen hielt. Die Greisin wurde mit den Soldaten erschlagen und gemeinsam in die Trümmer des Hauses geworfen. Und das Vermögen? Nichts mehr davon. Alles in Schutt und Asche verwandelt. Flüchtlinge in der eigenen Heimat — auf dem eigenen Grund und Boden! Verlassen von Gott und Menschen. Wo aber Juden sind, da ist Hilfe, Mitleid und

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