Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
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270 treffen. Die Wärme und Arische des Vortrggs, die Prägnanz des Ausdrucks, die Anschaulichkeit der Darstellung, immer verbunden mit einer selbständigen, neuartigen Auffassung, schufen in vielen Stunden wahre Meisterwerke dieser ganz seltenen Kunst. Me oft könnte man dann bei solchen und andeverz, Gelegenheiten die gutgemeinte, aber törichte Ansicht aussprechen hören: „Schade, daß dieser Mann nicht, anderswo steht!" Es war gar nicht schade. In Wirklichkeit war er (nach CöhenS Wort) eine „Kulturpersönlichkeit", deren Segenskraft inmitten seiner Gemeinde zur vollen Auswirkung kam und Unvergängliches als Erbe hinterlassen hat. Dabei war es ganz natürlich, daß Strauß sich nicht , selten in der Lage sah, ehrenvolle Berufungen ablehnen zu muffen. Noch im letzten Jahre hatte eine große jüdische Organisation ihn zu ihrem Leiter machen wollen. Er blieb — obwohl vieles locken mochte — wie immer seiner Gemeinde und seinem Berufe treu. Denn wenn er auch längst — geistig wie wissenschaftlich — weit über dessen Grenzen hinausgewachsen war, so hat er doch keinen Augenblick das innere Verhältnis zu ihm eingebüßt. Ein stark betontes Standesbewußtsein blieb stets in ihm lebendig, und bei Abweisung ungerechtfertigter Angrifsfe kannte und übte er keinerlei Rücksicht. In solchen Stunden konnte man in dem grundgütigen Menschen eine scharfe Kampfnatur erkennen. Bielen schien so — an der idealen Berufsauffassung und -führung gemessen — der Kreis seines Wirkens beträchtlich weit gezogen. Tatsächlich war jedoch das den meisten hier Sichtbare nur ein kleiner Ausschnitt aus einem ungewöhnlich reichen Leben. Sein Haus war mehr als der Mittelpunkt seiner Ge- < meinde, es war eins der geistigen Zentren der altberühmten Universitätsstadt. Was Wunder auch, daß dieser seltene Mann einen erlesenen Kreis von Freunden sich erwarb, wohin er auch immer kam. Gelehrte, Künstler. Schriftsteller, Journalisten von europäischem Ruf zählten dazu. Jahrelang hatte er in gründlichster Weise, hauptsächlich auf theologisch-philosophischem Gebiet, akademische Studien getrieben. Sein jüdisches Wissen war erstaunlich. Mit der alttestamentlichen Forschung war er aufs genaueste vertraut, Spriscki und Arabisch ihm geläufig. Bei den führenden christlichen Theologen Marburgs stand er in höchster Achtung. Zahlreiche Studenten hat er zum Hebraicum vorbereitet. In spezifisch jüdischen Fragen war sein Urteil für die Dozenten in vielen Fällen autoritativ. Seine Ueberzeugung hat Strauß diesen Freunden gegenüber mit größtem Nachdruck und Erfolg vertreten. Er verlangte, daß sie in ihren Vorlesungen und Veröffentlichungen das Judentum mit derselben wissenschaftlichen Voraussetzungslosigkeit wie etwa das Griechentum behandeln sollten, weil sie nur so dieser geistig-religiösen Potenz ersten Ranges gerecht werden könnten. Noch kurz vor seinem Tode hörte ich von ihm nahestehender Seite, daß Rade (der Herausgeber der „Christlichen Welt") Artikel, die jüdische Themen behandelten oder berührten, vor der Drucklegung seiner Begutachtung unterbreitete. — Heißeste Liebe und ureigenste Begabung machten ihn zum Philosophen. Mit einer Reihe von Professoren war er befreundet, am innigsten mit Cohen. Strauß war auch diesem Großen gegenüber nicht nur der Empfangende. In den letzten Jahrzehnten hat Cohen wohl keine größere Arbeit veröffentlicht, die Strauß nicht vorher in allen wichtigeren Partien gekannt und kritisch gewürdigt hätte. Besser als Worte vermag vielleicht eine persönliche Erinnerung das seelische Berwandtsein beider Männer zu kennzeichnen. Im Juli 1902 wurde in Munks Wohnung eine kleine Feier zu Cohens 60. Geburtstag veranstaltet. In seiner Ansprache ging Strauß von dem Gedanken aus, wie er als Volksschullehrer gleichsam aus der untersten, Cohen als Hochschullehrer aus der obersten Sprosse stände und doch tausend Fäden von oben nach unten liefen, und dann wurde von ihm, einem Meister der Rode, ein Bild des Gefeierten entworfen, das alle Anwesenden in innerster Seele packte. Nach Cohens eigenem Wort war damit die Summe seiner Existenz gezogen. Strauß hatte ihn als Lehrer der Menschheit gepriesen, worauf Cohen in tiefer Rührung auf den Redner wies: „Und das ist unser Lehrer," — Auch an Praktischer Arbeit wurde Blechendes gemeinsam geschaffen. An der Schöpfung des Schülerheims hatte Strauß neben Cohen, und Munk den größten Anteil. Solche Tätigkeit blieb der Oeffentlichkeit meist verborgen, weil er stille Arbeit besonders schätzte. Als der Antisemitismus in Heffen und vorzugsweise auch in Marburg den inneren Frieden in brutaler Form bedrohte, stand Strauß mit Munk in vorderster Kampflinie. In jener bewegten Zeit hat er in politischen Versammlungen manchen Sturm bestanden und durch Furchtlosigkeit und mutiges Wort dauernde Erfolge erstritten. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus entsprang mit seiner kräftigen Initiative. Der Politik widmete er sich im übrigen Zeit seines Lebens mit Leidenschaft. Führte ihn dabei auch seine Ueberzeugung weit nach links, so hat ein angeborener Takt ihn doch stets vor jedem Anstoß bewahrt. Mit angesehenen Parteiführern war er bis zuletzt herzlich befreundet. Nun hat ein plötzlicher Tod uns den tatkräftigen und lebensfrohen Mann entrissen. Trübe Tage hat es ganz gewiß auch für ihn gegeben. Aber umgeben von einer trefflichen Gattin und ausgezeichneten Kindern war ihm doch ein ungemein glückliches und gesegnetes Leben beschieden. Das hochgespannte Ehrgefühl, die treue und arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste der Gemeinde und die Liebe zur Wiffenschaft, die in Abraham Strauß v^ikörpert waten, bilden das unzerstörbare Erbteil, das er uns und insbesondere seiner Familie hinterlaffen hat. „Schauet aus den Fels, aus dem ihr gehauen, auf den Born, aus dem ihr gegraben. Schauet auf Abrccham, euren Vater." (Jesaia 51. [i. 2.]). Mcht1m§e>. Von Elias Nacht (Berlin), z. Z. in Galizien. ine mittlere Provinzstadt Galiziens zählte uns zu ihren Insassen. Wir waren angesehene Bürgersleute, hatten uns nie etwas zuschulden kommen lassen. Unsere Wohlhabenheit setzte uns in den Stand, den Armen und sonstigen Bedürftigen mit Rat und Tat und Geldmitteln zu Helsen sowie ihnen gar manche Sorge abzunehmen. Diese unsere Eigenschaften waren in der ganzen Stadt stets Tagesgespräch, wodurch unsere Achtung und unser Ansehen fortwährend im Wachsen begriffen waren. Die Eltern — die Erde sei ihnen leicht — hatten sich für uns stets mit der größten Hingabe geopfert. Es gab nichts, das für die Kinder zu kostspielig oder unausführbar war. Wir besuchten alle die höheren Schulen, um gegen Not ge rüstet zu sein. Der Mensch weiß ja nie, was ihm der nächstfolgende Tag bringen kann. Und dies ist ein unschätzbarer Vorteil der Natuveinrichtung; denn hätten wir zum Beispiel gewußt, was uns die nächste Zeit bringen würde, wir wären sämtlich freiwillig in den Tod gegangen ... Unsere häusliche Erziehung — wenn auch von orthodoxer Färbung — sowie die genossene Schulbildung halfen uns immer über die Schmach, die sich über uns als Abstämmlinge Abrahams, Isaaks und Jakobs ergoß, rasch hinweg. So manchen Wermutstrunk mußten wir hinunterschlucken, aber immer waren wir bemüht und bestrebt, die Beschuldigungen, die gegen das Judentum gerichtet waren, mit Entschiedenheit >) Die Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten Galiziens und der Bukowina wurden dieser Tage — anläßlich der Räumung dieser Gebiete durch die Ruffen und Rumänen — zurückbefördert.