Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
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289 Konzertreisen durch die deutschen Großstädte, nach Dänemark und Holland trugen ihr reiche Lorbeeren ein. Auch in ihrer Heimat Posen trat wiederholt in ihren Glanzrollen auf. Ueberall bewunderte man die Vielseitigkeit, der kein GÄ>iet fremd war, die künstlerische Auffassung, die Wärme der Empfindung, die vörnehine Vortragsweise. Sang sie doch gleichermaßen meisterhaft deutsche Lieder, altitalienijche Kirchenlieder, englische Balladen, französische EhanfonS und polnische Welfen, so daß selbst der berühmte, gefürchtete Wiener Wustkkritiker Hanslick ihr uneingeschränktes Lob zuerteilte. Ihr erstes Austreten in der schlesischen Metropole in einem Konzert des Orchestevvereins führte einen entscheidenden Wendepunkt im Leven der Künstlerin herbei. Eine Reihe von : Jahren bildeten Jettka Finkensteins Liederabende in Breslau nicht nur mustkalifche Ereignisse für Stadt und Provinz, die ihren Ruf immer weiter und lauter durch die deutschen Lande trugen. Hier knüpfte sie im Juni 1893 den Lebensbund mit dem? jernstnnigen Pianisten urw Komponisten Kapellmeister Benno : Pulvermacher, Und Breslau wurde und blieb die Heimat des Künstlerpaares. Jettka Finkenstein hat in ihrem Lebensgefährten auch den Kunjtgesährten gesunden, der» gleichstrebend und gleichgesinnt, sich allzeit als ihr trefflicher, oerftändnisvvller Begleiter erwiesen hat. Btit hervorragender Begabung und Steigung für den gejangspädagogischen Berus leiten die Gatten fett einer Reche von Jahren gemeinsam eine Gesangsjchule. Biele strebende junge Gesangstalente danken der >egens- und erfolgreichen Lehrtätigkeit des Künstlerpaares ihre Ausbildung. Anläßlich des 7V. Geburtstages ihres verewigten Vaters ehrte ste diesen durch Veranstaltung eines Liederabends in Polen, dessen Ertrag sie den Armen der Stadt überwies. Auch in Preslau hat ste wiederholt ihr? Wiche und reist Kunst in den Dienst der Wohltätigkeit, natnentlich zugunsten des Musiktehrermnen-Altersheims, gestellt. Am 3. April 1906 durste Jettka Zinkenstem auf eine sünsundzwanzigjährige erfolggekrönte künstlerische Wirksamkeit zurückvticken. Ihr großer Freundes- und Schülerkreis ehrte sie durch die Stiftung des Jettka-Finkenstein-StiPendienfondS für unbemittelte Gejangstalente, und sie selbst gab an jenem Festtage einen Liederabend, dessen Ertrag der Stiftung zugute kam. Seitdem ist sie nicht mehr öffentlich aufgetreten. Die Ausübung ihres gesangspädagogischen Berufes, der sie chre ganze Zeit und Kraft widmet, füllt ihr Leben aus. Man muß ihr nahestehen, der großen Gesangsmeisterin, um nicht nur diese, sondern die ungewöhnliche Persönlichkeit in ihr zu schätzen. Nicht zu den Erscheinungen gehört sie, die als Mensch schnell Sympathien erobern; bei der ersten Begegnung erscheint sie kühl, tritt man ihr jedoch näher, so empfindet man den vollen Wert dieser vornehmen Natur. Grazie des Geistes und des Wesens, Gemütswärme, hohe allgemeine Bildung, die sie mit Feuereifer unablässig zu vertiefen strebt, laßen Jettka Finkenstein viele ihrer Kunstschwestern bei weitem überragen. Und wäre sie nicht eine bedeutende Künstlerin und Lehrerin geworden, dann sicherlich eine ebenso bedeutende Schriftstellerin, so anmutig weih sie mündlich und schriftlich zu plaudern, so amüsant und ernst aus dem Reichtum des Gedachten und Gefühlten, des Selbsterlebten mitzuteilen, und lebhaft angezogen lauscht man gern der Musik ihrer Sprache. Jettka Finkenstein zählt zu den Bevorzugten und Glücklichen in der Kunst wie im Leben, und so atmet ihr ganzes Wesen Harmonie und Befriedigung. Und freudig und gern bekennt sie sich jederzeit als treue Tochter ihrer Glaubensgemeinschaft und der Provinz Posen. Lin Milcher Lehrer. Bon Jonas Plaut (Berlin-ChürlotteNburg). ie jüdische Gemeinde in Marburg hat mehrere Jahrzehnte das unschätzbare Glück gehabt, von drei seltenen, durch innigste Freundschaft einander verbundenen Männern geführt zu werden: von Hermann Cohen, Leo Munk und Abraham Strauß. Jetzt hat sie das schwere Leid erfahren, innerhalb Jahresfrist alle drei ins Grab sinken zu sehen. Nicht von der machtvollen Persönlichkeit Cohens oder der schönen Menschlichkeit Munks soll heute hier gesprochen werden. Dies Wort der Erinnerung sei Abraham Strauß geweiht. Fast dreißig Jahre hindurch durfte die Marburger Gemeinde diesen ungewöhnlichen Mann im ttefsten Wortfinne ihren Lehrer nennen. Nun steht sie verwaist. Verwaist sind die, denen er ein Lehrer war. Wer je unter der Zucht seines Geistes gestanden hatte, trug oder trägt dauernden Gewinn. Er wollte, wie einst Diesterweg, seine Schüler zu Wirkern der Vollskrast stempelnin ihnen eine ideale Lebensauffassung begründen und sie vernünftig machen. Wem er den Keim seiner sittlichen Weltanschauung ins Herz gepflanzt hatte. Mochte hier und da wohl noch straucheln, aber er konnte mcht mehr fallen und untergehen. Das war die unmittelbare Wirkung einer Persönlichkeit, deren Macht und Zauber jedem offenbar wurde, der in ihren Schatten trat. Er war die geborene Autorität — die Autorität des großen Btenschen. Seine Herrschaft war die Herrschaft des Geistes, dem Seelustzug vergleichbar, schars anfassend, aber kräftigend und fördernd. Von Mitarbeitern und Schülern verlangte er viel. Er selbst jedoch tat immer mehr, als er von anderen forderte. — So wurden Generationen seine wahren Schüler. Scharf geißelte er oft jene schulmeisterliche Ueberhebung, die jeden als Schüler anjpricht, dem ein bißchen armseliges Wissen vermittelt worden ist. Ihm war die Art des Kommens und Gehens von Zufälligkeitsschülern gänzlich sremd. Wer je seinen geistvollen Unterricht empfangen hatte, blieb ihm verbunden sein Leben läng. Als Strauß nach Marburg kam, bot die' jüdische Gemeinde, durch Zuzug aus den angrenzenden Dörfern urid Städtchen vergrößert, ein wenig einheitliches Bild. Wenn heute diese Gegensätze vielfach ausgeglichen sind, so bleibt das, neben der anregenden Luft der alten Universitätsstadt, das unbestrittene Verdienst von Strauß. Im Laufe der Jahre , hatte sich ein einzigartiges Verhältnis zwischen Lehrer und Gemeinde herausgebildet. Es gab keine wichtige Frage, die ohne seinen bestimmenden Einfluß enkschieden worden wäre. Vor ihm hatte niemand so leicht ein Geheimnis. In allen möglichen Lagen fand man den Weg zu chm. Mit unbegrenztem Vertrauen wurde ihm begegnet; ein kostbares Gut, das er durch angestrengte Arbeit, Hingebung und Selbstlosigkeit hundertfach verdient hatte. Nie konnte jemand mit mehr Recht das lebenspendende Zentrum seiner Gemeinschaft genannt werden als die in Strauß verkörperte, schier unerschöpfliche Kraftquelle. Er war ihr Herz und Kops zugleich- Hier war noch einmal das leuchtende Beispiel gegeben, was eine Lehrerpersönlichkeit aus einem Guß an edelster Wirkung durch edelste Kräfte hervorzubringen vermag. Mit Strauß gingen die Alten und die Jungen. Nie werde ich die meisterliche Art vergessen, in der er durch sein sogenanntes „Lernen" zu fesseln wußte. In Marburg war (und ist es wohl noch Sitte), daß am Sabbat nach dem Gottesdienst bei den Ehewramitgliedern abwechsünd ein kurzer Lehrvortrag gehalten wurde. Stets war ein Kreis treuer Anhänger versammelt. Die Art, einen Midrasch zu verwerten, eine schwierige Stelle des Wochenabschnittes zu erklären, einen dunklen Gebetvers aufzuhellen, und all das in ständiger Verknüpfung mit Gegenwartsfragen, war einfach nicht zu über-