Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
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268 DaS folgende Jahr fand sie am Theater ihrer Vaterstadt, das sie jedoch nach kurzer Zeit verließ, um ein Engagement in München anzunehmen. In Augsburg und Würzburg fetzte sie ihre Künftlerlaufbahn fort'. Ihre größten Triumphe feierte sie M Rosine im »Barbier von Sevilla", als Minette in der „Diebischen Elster", als Elvira im „Don Juan", Agathe im „Freischütz", Jsabella in „Robert der Teufel". Kritik und Publikum betonten einmütig, daß in fast allen klassischen Opern die erste Partie gesanglich und dramatisch gleichermaßen wirkungsvoll von ihr dargestellt wurde. Karoline Stern zog sich schon im April 1841 von der Bühne zurück, um sich fortan nur dem Konzertgesange zu widmen. Von dem kunstsinnigen Fürsten von Hohenzollern-Hechingen an den dortigen Hof berufen-, rechtfertigte sie mit ihrer seltenen Koloratur und ihrem hinreißenden Vortrage, unterstützt durch Diese wurde ihr zugestchert, als sie die Prüfungskommission bat, auch eine Probe ihres Gesanges gchen zu dürfen. Der Vortrag des Mendelssohnschen Liedes »MH, um deine feuchten Schwingen" entschied über Jettkas Schicksal. Obgleich sie .bisher keinen regelrechten Gesangunterricht genossen hatte, wurde sie für die Ausbildung zur Sängerin auserkoren. Unter der sorgsamsten Pflege von Frau Professor Schultzen-Asten und Professor Gustav Engel und unter der besonderen Anteilnahme von Professor Joachim entfaltete sich die schöne, weiche Mezzosopranstimme der hochftrebenden Kunstnovize, die schon nach einem halben Jahre fleißiger Studien Freischule erhielt. Obgleich ihre Lehrer sie schon nach drei Jahren als reif für die Bühne erklärten, Meb sie doch noch ein Jahr auf der Hochschule, nachdem ihr ein Stipendium von der Regierung bewilligt worden war. eine imposante Gestalt, wie einst als Opernsängerin nunmehr auch als Konzertsängerin ihren Künstlerruhm. Am 15. März 1855 sang sie in einem Hofkonzert die Kavatine aus „Tancred": es war dies ihr letztes öffentliches Auftreten. Rühmend muß anerkannt werden, daß die gefeierte Künstlerin den zahlreichen Verlockungen, die Religion ihrer Väter zu verlassen, niemals Gehör schenkte; freudig und freimütig hat sie sich stets als Jüdin bekannt; sie und ihr Saus blieben dem angestammten Glauben treu. In harmonischer körperlicher und geistiger Frische hat Karoline Stern ihren Lebensabend in Berlin bei ihrem Sohne Julius hingebrackt, -dessen Erziehung und künstlerischer Ausbildung sie sich mit liebevollster Hingebung gewidmet hatte, und der, ein Lieblingsschüler des berühmten Violinvirtuosen Ernst, selbst als solcher zu hoher Meisterschaft gelangte. Aus der zweiten Hälfte ist Jettka Finkenftein zu er-? wähnen. Ihre Wiege stand in einer kleinen Stadt Russisch- Polens. Als sie kaum ein Jahr zählte, überfiedelte die Familie nach Kempen in der Provinz Posen. Für ihre geistige wie musikalische Entwicklung war es ein hoher Gewinn, daß Posen bald der Wohnort der Famllie wurde. In einer Atmosphäre von Musik und Sangeskunst wuchs das Kind heran, auf das sich die stimmliche Begabung des Vaters, der als Kantor an der Synagoge wirkte, vererbt hatte. Der fröhliche Gesang der Leinen Jettka erfüllte das Elternhaus, und bei den öffentlichen Schulseierlichkeiten wurden ihr schon ftühzeitig die Soli zuerteilt. In den Vorurteilen ihrer Zeit und ihrer Glaubensgemeinschaft befangen, waren die Eltern einer künsüerischen Ausbildung der Tochter wenig geneigt. Endlich willigten sie ein, sie zur Klavierspielerin ausbllden zu lassen, und nachdem Jettka einige Jahre in Posen regelmäßig Klavierunterricht genossen hatte, ging sie nach Berlin, um in der Königlichen Hochschule für Musik Aufnahme zu finden. Jettka' Linkenstein. Nachdem sie bei einer Schülerausführung im Königlichen Schauspielhause in Berlin Ende 1880 die Ortrud gesungen hafte-,; betrat sie am 3. April 1881 in dem neuen Hostheater in Darmstadt in der Rolle der Fides in Meherbeers „Prophet" als Gast zum ersten Male, die Bühne, und als sie am folgenden .Abend die Ortru-d gesungen hatte, wurde sie für den Herbst dieser KunstPflMstätte gewonnen. Fast neun Jahre war sie der gefeierte Liebling der hessischen Residenz, insbet'sondere der Frauenwelt-.' Auch im KoWertfaäl, der Stätte ihrer späteren größten Triumphe, erschien sie schon damals oft, und Gastspiele in Frankfurt a.. 30t. und Frankfurt a. O. befestigten ihren Künstlerruf und Ruhm. Mt dem Titel einer Großherzoglich Hessischen Kammersängerin geschmückt, verließ sie Darmstadt und begab sich nach Paris, um in eifrigen Studien -bei der Altmeisterin der Gesangskunst, Pauline Diardot-Garcia, . neue künstlerische Anregungen zu gewinnen. Nach deren Heimgange hat sie im Sommer 1910 ihre Erinnerungen an die geniale Frau in der „Breslauer Morgenzeitung" veröffentlicht. Im Juni 1890 errang sie, nachdem sie schon im Frühling in Darmstadt in einem Hofkonzert vor der Königin Viktoria gesungen hatte, im State Concert im Buckhingham-Palast in London mit der SegenSarie der Fides einen glänzenden Erfolg, und wenige Tage später erhielt sie eine Einladung, im engsten Kreise der königlichen Familie in Windsor zu singen. Nach dem Tode der Königin Viktoria hat Jettka Finkenstein in einer interessanten seuilletonistischen Plauderei, ebenfalls in der „Breslauer Morgenzeitung" wie in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", im April 1901 von diesem Konzert berichtet. Nach beendeten Studien in Paris wurde Berlin für einige Jahve die Heimat der Künstlerin. Sie entfaltete hier eine vielseitige Tättgkeit als Bühnen-, Oratorien- und Liedersängerin, auch schon damals als Gefangspädagogin; Gastspiel- und