Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Safed 3× ep/1046078
- Haifa 1× ep/1047930
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267 Die Hungersn>ot unter den Juden Nordpal ästi na s. Das Jüdische Preßburemr in Stockholm berichtet: Wie furchtbar die Lage der jüdischen Bevölkerung in dem Teil von Palästina, der sich in türkischen Händen befindet, flch gestaltet Hat, geht aus folgenden Mitteilungen' hervor, die die Berliner „Jüdische Rundschau", das Organ der deutschen Zionisten, veröffentlicht: . . Die Lage der beiden Städte Liberias und Sased und auch der jüdischen Kolonien in Obergaliläa ist trostlos. Die Bevölkerung verliert den Mut zur Arbeit und zum Leben, da die Hungersnot unbeschreiblich ist. Wie groß wird unser Schmerz' sein, wenn sogar einige bleiben, die es überleben; denn auch diese werden moralisch und seelisch sehr deprimiert sein. Und sie aste haben doch ihren großen Teil zu unserer befreienden Arbeit beigetragen. Tagtäglich vergrößert sich die Zahl der Bedürftigen. Die, die vor drei Jahren noch zu den wohlhabendsten Kreisen zählten, wünschen letzt nur ein Rottel Brot wöchentlich. Und die Preise sind so hoch, daß man zwei Ltg. pro Kops täglich ha-benmuß und dabei immer noch halb hungrig btzW. Die Lage ist kritisch. Wir haben aber unsere Hoffnung nicht^ aufgegeben und wir trösten uns mit dem Gedanken, daß andere kommen werden, die unsere Arbeit fortsetzen werden." Die „Jüdische Rundschau" bringt ferner folgendes Delegranrm: „In Sased sind von 4006 Juden m ehr als 3000 br o tlo s. Die Verhungerten haben uns 500 neue Waisen zurückg e l a s s. e u. Hunger und Krankheit führen die jüdische Gemeinde der Stadt einem raschen und völli gen Untergangentgegen. Für Safed muß die Hilfe sofort und telegraphisch beschafft werden." Ueber die grausenerregende jüdische Lage in. Nordpalästina berichtet Herr Dizengoff, einer der Hauptmiitarberter am jüdischen Hilfswert, der gegenwärtig in Haifa weilt. Seinem Bericht entnehmen wir folgende Angaben: „Während des Jahres, das seit der Evakuierung von Jaffa verstrichen ist, sind viele der Vertriebenen im Exil gestorben. Diese unglücklichen Brüder haben Kinder hintvrlassen, und unsere heiligste Pflicht ist es, für diese armen Waisen zu sorgen, welche die wahren Opfer der Evakuierung sind. Außer den Evakuierten find auch während der letzten zwei bis drei- Jahre außerordentlich viele Juden in Safed und Liberias g e st o r b e n und auch diese haben Waisenkinder hinterlassen. Für diese Kriegsopfer müssen wir sorgen. Wir haben in Milchamra provisorisch ein kleines Waisenhaus für 30 Kinder errichtet. In Sichron sind wir im Begriffe, ein Waisenhaus für 30 bis 40 Waisen aus Kasr Saba, die Vater und Mutter verloren haben, zu eröffnen'. In Safed gibt es neuerdings 506 Waisenkinder, und wir nrüssen« absolut etwas für sie turn. Wir müssen uns die Notwendigkeit klarmachen, eine neue Institution zu schaffen, die „Waisenhäuser für die Kriegsopfer in Palästina" heißen könnte. Ich bin damit beschäftigt, alle notwendigen. Daten betreffend die Waisen zu sammeln, um ein durchgearbeitetes und mit Material belegtes Expose unterbreiten zu können. Große Summen werden notwendig sein, um dieses gleichzeitig philanthropische und nationale Werk durchzuführen. Aber es ist mehr als eine Ehrenpflicht für uns." Zwei p a l ä st i n e n s i s ch e I u d e n hingerichte t. Das Jüdische Preßbureau in Stockholm meldet: Die im Herbst 1917 vom Militärgericht in Damaskus zum Tode verurteilten PaWstmensischen Juden Lichansty und Belkind wurden lnngerrchtet. Alle Bemühungen, ihr Leben zu retten, waren vergeblich. Die Verurteilung war, wie wir seinerzeit gemeldet haben, aus Grund eines inquisatorischen Verfahrens erfolgt. Von Belkind wurde durch Tortur ein Bekenntnis erpreßt, daß er, Lichansky und andere Spionage zugunsten Englands getrieben hätten. Die Hinrichtung kommt um so überraschender, als die Begnadigung der Verurteilten von türkischer Teile in Aussicht gestellt worden war. * Eine andere Angelegenheit, die ferner zur Debatte steht, ist die rumänische I u d e n s r a g e. Während wir im allgemeinen die Regelung dieser Frage durch-den Bukarester Frieden gutgeheißen und — wie dies nun einmal so üblich ist - von jüdischen Blättern in heftigster Weise angegriffen wurden, regen sich aus vielen Seiten Bedenken. Sie haben eine gewisse Berechtigung durch das durch 40 lange Jahre begründete Mißtrauen gegen rumänische Versprechungen; sie werden bestärkt durch Ausschreitungen, die in jüngster Zeit gegen Juden erfolgt sind. Während die Zeitschrift „Im Deutschen Reich" (Machest) ihre Zufriedenheit äußert und den Dank an die Regierungen und die Friedensunterhändler aus-- spricht, während auch die „Aurore" vom 16. Mai die Friedensbedingungen zustimmend und befriedigt begrüßt, verbreitet das „Jüdische Korrespondenzbureau" im Haag folgenden Artikel, der trotz seines böswilligen und keineswegs zu billigenden Ausfalls gegen Deutschland hier folgen mag: Der Bukarester Friede und die Juden. Die holländische Presse weist aus die Unklarheit und 'den unbefriedigenden Charakter der Bestimmungen des BuLarester Friedens- Vertrages über die Emanzipation der rumänischen Juden hin -und äußert m liedhafter Weise ihre Mißstimmung' über die getroffene Regelung. Einer besonders scharfen und eingehenden Kritik unterzieht diese Bestimmungen das Mi-tgilied der Leitung der holländischen Allianpe Jsraölile Universelle H. Louis Israels. Die wachsende antisemitische Strömung in Deutschland und Oesterreich, meint Israels, lasse obendrein selbst eine Durchführung der getroffenen Bestimmungen nicht erwarten. Der Phti-liosemiitrsmus sei' in diesen Ländern nm ein Exportartikel. Man habe mit dem Judenparagraph nur ein Gegengewicht gegen die Erklärung. Bailfours schaffen' wollen. Erst der allgemeine Friede werde den Juden Rumäniens in Wahrheit Gleichberechtigung bringen. * So sehr ich es auch vermeide, in dieser Zeitung von mir zu reden, so kann ich doch nicht umhin, dem Verleger, Herrn Dr. Rudolf Moffe, meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen für die außerordentWe Ehrung, die er mir durch die Sonderbeilage zur vorigen Mzmmer erwiesen hat. Sie hat mich gerührt, gelabt und aufs innigste erfreut. Sie soll mich ermutigen, meinen Weg weiterzugehen, meine Krast zu üben, die Sache des Judentums zu verteidigen und meine Pflicht zu tun, solange es Tag ist. Lwkl Milche Sängerinnen s«s alter und neuer Leit. Von Regina Reißer. j ährend seit Jahrhunderten Jüdinnen in der Literatur als Schriftstellerinnen, sogar als gelehrte Frauen, durch ihre Leistungen sich einen Namen geschaffen haben, begegnen wir diesen verhältnismäßig nur selten auf dem Gebiete der Künste Obgleich die Tonkunst stets von ihnen geliebt, Musik und Gesang gepflegt wurden, weisen das 17. und 18. Jahrhundert nur ganz vereinzelt jüdische Sängerinnen auf. Erst dem 19. Jahrhundert war es Vorbehalten, deren eine stattliche Anzahl zu zeitigen. Die erste jüdische Sängerin von Bedeutung war die vielgefeierte Karoline Stern, die in dem sangesfrohen Mainz am 1V. April 1800 das Licht der Welt erblickte. Frühzeitig empfing sie musikalische Eindrücke durch den Vater, der, ein tüchtiger Violinspieler, auch ihren ersten Unterricht übernahm. Später setzte sie ihre Studien bei Heidelhof in ihrer Vaterstadt fort. Schon am 20. Oktober 1816 betrat fie am Nationaltheater zu Trier zum ersten Male die weltbedeütendtzn Bretter und errang als Myrrha im „Unterbrochenen Opferfest" hohen Beifall. Von dort kam fie nach Düsseldorfs In die Fämüie Heine eingesührt, begeisterte sie den jungen Heinrich Heine in so hohem Maße durch ihren Gesang, daß er sie in schwungvollen Versen feierte. Nach kurzer künstlerischer Wirksamkeit in Aachen trüg ihr die Empfehlung von Heines Mutter einen Ruf an das Hoftheater in Stuttgart ein, dem sie von 1819 bis 1824 angehörtc.