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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-07 · Heft 23 (7.6.1918) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 23 (7.6.1918)
Date
1918-06-07
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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Gewaltmenschen emporgekommen sind und im Namen deS Selbstbestimmungsrechtes Terrorismen verübt wurdendie uns gezeigt haben, daß das Selbstbestimmungsrecht, der Himmelsstern in den Augen des Sehenden, durch Unverstand und Mißbrauch in einen Unglücksstern sich verwandeln kann. Muß uns solche Erfahrung nicht veranlassen, durch hochklingende Worte uns nicht betäuben zu lassen, sondern tiefer und ernster über den Sinn des Selbstbestimmungsrechtes nachzudenken? In der Hand des Unmündigen ist es ein gefährliches Instrument, und kein Einsichtiger wird behaupten wollen, daß die Völker als Gesamtheiten durch die Erlebnisse des Weltkrieges in sittlicher Bezichung mündig geworden sind. Darauf aber kommt es an, auf die sittliche als Vorbedingung für die richtige Auffassung der pMtischen Mündigkeit, und darum hat unser Lehrer Mose, der große Menschenkenner, für sein Volk nicht zuerst die politische Freiheit gefordert, sondern die Freiheit, Gott zu dienen und sein Gesetz als Richtschnur des Lebens anzunehmen. Der Sinn des Selbstbestimmungs rechtes im mosaischen Geiste ist sonach, richtig verstanden, eigentlich die Selbstbestimmungs Pflicht und die Selbstbestimmungs a u f g a b e, die Pflicht und die Aufgabe des mündig gewordenen Menschen, den als göttlich erkannten Willen in seinen eigenen Willen aufzunehmen und in der Selbstbeschränkung durch das Sittengesetz seiner Freiheit die Krone der Vollendung aufzusetzen. Das ist nun auch der Sinn und die Lehre des vor kurzem gefeierten Thorafestes und seiner alljährlich sich erneuernden Offenbarung, welche lautet: von der politischen Freiheit zur sittlichen Selbstbestimmung nach Anleitung des mosaischen Geistes und des sinaitischen Gesetzes. In diesem Sinne und Geiste hat das am Sinai mündig gewordene Volk der Religion fein Selbstbestimmungsrecht erkannt und ausgerufen: nnnss w’nischmo, wir wollen den göttlichen Willen vernehmen und erfüllen, und für diese Bereitwilligkeit des Hörens und der Betätigung sind ihm nach einem sinnigen Worte der alten Schriftdeuter zwei Kronen auf das Haupt gesetzt worden. Wir leben in einer Zeit gewaltiger Gärung der Geister, die mit den Völkern ausgezogett sind zum entscheidenden Kampfe um die Weltherrschaft, und wir haben die Empfindung und Erwartung, daß der Weltkrieg, soll er nicht die Sinnlosigkeit alles geschichtlichen Geschehens offenkundig werden lassen, eine ungeheure Zeitenwende herbeiführen und eine neue Zukunft der Menschheit anbahnen muß. Da öffnet der Geist der Sinailehre die Pforte der Zukunft und kündet: dasjenige Volk, das den Willen und die Kraft haben wird, seine Selbstbestimmung als Aufgabe und Pflicht im Dienste des Sittengesetzes zu betätigen und zu verwirklichen, wird als Sieger hervorgehen und die geistige Führung der Menschheit übernehmen. Möge unser deutsches Volk in diesem Sinne seine weltkulturelle Aufgabe ersaffen und bewahrheiten! Sir Woche. B er lt n, 4. Juni 1918. chon am Ende der vorigen Berichtswoche hat die mächtige deutsche Offensive im Westen begonnen Sie hat an verschiedenen Punkten, die Feinde teilweise gänzlich überraschend, eingesetzt und glänzende Erfolge, schon jetzt gezeitigt. Bereits am 30. Mai ist Soissons genommen, Reims ernst bedroht, die Marne erreicht, das ganze von den Gegnern 1917 mit den blutigsten Opfern gewonnene Gelände zurückerobert. Unsere Fronten sind außerordentlich wert vorgeschoben, mehr als 45 000 Gefangene sind gemacht und ungeheures Material erbeutet. Die außerordentliche Tragweite der genannten Ereignisse spricht sich nicht nur in den erwähnten Zahlen aus, sondern wirkt außer durch das Staunen kühler, teilweise ungünstig ge^ sinnter Neutraler, besonders klar durch das Gerede der-Feinde. Die Engländer suchen die Franzosen über Gebietsverluste zu trösten, wenn es nur nicht Amiens gilt; die Franzosen, deren Besorgnis, ja Angst, sich deutlich genug verrät, gebärden sich, - als wäre ihr Vertrauen auf ihre Reserven und ihre Zuversicht zu dem Heilbringer Foch unerschütterlich. Hoffentlich werden schnelle und rasche Schläge der nächsten Tage und Wochen sie von Her Torheit ihrer Hoffnungen und der llnhaltbarkeit ihrer Voraussetzungen überzeugen. An ihnen liegt es, dem furchtbaren Blutvergießen ein Ende zu machen; ihr eigenstes Interesse würde es erheischen, das zu retten, was noch zu retten-möglich ist. Herrschte dort gesunde Vernunft; so müßte die Erkenntnis durchdringen, daß die Vermeidung der Selbstverstümmelung, ja Vernichtung nur in der Aufgabe unbegründeter Forderungen und in demütiger Bitte um Frieden liegt. * lieber jüdische Verhältnisse -in' Deutsch.län d ist diesmal nichts zu berichten. In manchen Blättern dauert die Debatte über den sinnlosen Vorstoß des Abgeordneten Heins, auch die Erörterung über die Berufung von Juden ins Herrenhaus fort; Neues ist darüber nicht mehr zu sagen. Antisemitische Pöbeleien hören nicht auf; bestimmte Vorgänge, auf die in dieser Uebersicht einzugehen Pflicht wäre, haben sich nicht ereignet. Wir verkennen gewiß nicht die Gefahr für die Zukunft, die aus der antisemitischen Stimmung und Gesinnung der Massen und leider auch vieler Höhergebildeten drohte haben vielmehr auf die Notwendigkeit vst genug hingewiesen, ldas nötige Material zu sammeln, um gegen künftige Angriffe gerüstet zu sein. Trotzdem wollen wir nicht jede gehässige Aeuherung von Hetzblättern buchen. Nur das eine muß immer gesagt werden, daß für -die deutschen Juden keine Frage wichtiger sein darf, als die Stellung der Juden in Deutschland. So verschieden die deutschen Juden noch über die Palästinafrage und ändere Fragen denken mögen, einig müßten sie darin sein, für daS gleiche Recht aller Juden in Deutschland zu kämpfen und alle Mittel anzuwenden, um eine völlige und unbedingte Gleichstellung aller Juden in Deutschland zu erwirken. * ' lieber die palästinensischen Angelegenheiten stellen wir eine Anzahl Berichte aus den Mitteilungen des Haager und Stockholmer Korrespondenzbureaus zusammen, lassen aber alles das aus, was einen wesentlichen Teil dieser Mitteilungen ausmacht: nämlich die Stimmungsmache für die Herstellung eines jüdischen Reiches. Aus den Nachrichten letzterer Art sei nur hervorgeho'ben, daß auch Italien sich bereit erklärt hat, die Bildung eines nationalen jüdischen Zentrums in Palästina zu erleichtern, als wenn Italien nicht mit anderen Angelegenheiten beschäftigt wäre, die geeignet sind, seine ganze Kraft in Anspruch zu nehmen. *■ Die hier in Betracht kommenden Nachrichten lauten: Die hebräische Universität in Palästina. Das Jüdische KorrefpondenKbureau im Haag berichtet: Der berühmte jüdische Philosoph Henri Bergson teilte telegraphisch Professor Weitzmann, dem Präsidenten der Palästinakommission, mit, daß er Mitarbeiten wolle an -der Ausarbeitung des Programms und sich der Universität auch als Lehrer zur Beifügung stelle. Dem Jüdischen Preßbureau in Stockholm wird aus London telegraphiert: Die zionistische Kommission hat die von der britischen Okknpationsinacht geschlossenen Schulen des Hilfsvereins der deutschen Juden übernommen und sie als hebräische Schulen wieder eröffnet.

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