Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 7. Juni 1918 82. Jahrgang. Nr. 23 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor« orten durch unsere vertriebLstellen) bezoHen vierteljährlich 3 81 — Postscheckkonti^ Vegrö«-et von »addiner Dr. Ludwig -hilippf-u Unter Leitung des Geheime« Regierungrratr Professor vr. Ludwig Geig« Verlag: Rudolf Hesse, Bettln, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind'an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentunis", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-H9, zu richten. Verlag von Rudolf Rtosse, Berlin. Das Selbstbestimmüngsrecht im mosaischen Geiste. Von AATLjsUHL. A. Eckstein. — Die Woche. — Zwei jüdische Sängerinnen ans alter Und neuer Zeit. Von Regina Reißer. — Ein jüdischer Lehrer. Von Jonas Plaut (Berlin-Charlottenburg). — Flüchtlinge. Von Elias Nacht (Berlin), z. Z. in Galizien. — Die Kriegsneutralen und die Inden. Von Karl Hilmar —Feuilleton: Vom Setzkasten zum Geldkasten. .Erzählung von M. Schweitzer (München). — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus.—r Berichtigung. 'Det: Gemeindebote (Beilage zur «Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Aus der Provinz Posen, Leipzig, Nürnberg, Münster i. W., Köln, Mainz, Wien, Warschau.—Von-Nah und Fern. Las Sklbltbkltimmungsrecht int mosaischen Geilte. Von A Eckstein. ine bekannte Sage erzählt, daß in der Hunnenschlacht die Geister der Gefallenen den Kampf der Lebendigen als verklärte Helden/ in überirdischen Regionen fortgesetzt hätten. Ist das bloß eine Sage oder ist ein tieferer Sinn in derselben enthalten? In unserer Zeit ist es ja eine sehr geläufig gewordene Vorstellung, daß auch die Geister der Völker, die gegeneinander das Schwert gezogen haben, ausgezogen sind, um sich an dem gewaltigen Ringen um die Weltherrschaft zu beteiligen. Kein denkender Mensch wird es aber übersehen und in Abrede stellen wollen, daß noch größer und bedeutsamer als die Frage der politischen Weltherrschaft, die auf dem Schlachtfelde von des Schwertes ehernem Arme zur Entscheidung gebracht werden soll, die Frage ist, welcher Geist den Sieg davontragen und die Menschheit der Zukunft beherrschen werde. Sollte uns die Bibel und die in derselben enthaltene Geschichte Altisraels darüber gar keinen Fingerzeig geben können? Wenn der Geist eines Volkes am besten und reinsten in der Persönlichkeit eines richtunggebenden und zukunftbestimmenden Führers verwirklicht, erscheint, so wird der altisraelitifche und biblische Geist am besten und reinsten in der Persönlichkeit des Mose, unseres großen Führers durch die Zeiten, verwirklicht uns erscheinen. Mosaischer Geist gibt sich aber am deutlichsten vielleicht aus seinem Gegensatz zu pharaonischem Geiste zu erkennen, der am krassesten in der von ihm bekundeten Aeußerung sich offenbart: „Den Menschen muß man den Druck der Arbeit schwer machen, damit sie sich nicht durch Lügenworte betören lassen." Was sind das aber für Lügenworte, die durch harte Sklavenarbeit gewaltsam unterdrückt werden sollten? Darauf antwortet die alte Geschichte folgendes: Aus der verachteten Kaste des Hebräervolkes war im Pharäonenlande ein sonderbarer Schwärmer hervorgetreten, ein Mann, der zum Anwalt der Unterdrückten sich machte, und der hatte Worte in die Gesellschaft geschleudert, die dem herrschenden System der MenschenbehaMung den Krieg erklärten, die aus den biblischen Berichten bekannten Worte von einem Gotte, der keine Knechte haben wollte, vom natürlichen Anspruch eines jeden Menschen auf freie Bahn und freie Entwicklungsmöglichkeit, wie wir heute uns ausdrücken würden; er forderte das S e l b st b e st i m m u n g s r e ch t der Menschen und Völker!.—Das sind Lügenworte, erklärte Pharao, die man durch harte Sklavenarbeit gewaltsam unterdrücken muß, Trärtme eines Schwarmgeistes, die in der Welt der Tatsachen sich nimmermehr verwirklichen lassen. Ich kenne keinen Gott und keinen auf die Freiheit der Menschen abzielenden Willen eines Gottes, ich kenne nur die natürliche uns umgebende Sinnenwelt mit ihren ehernen Gesetzen, denen auch der Mensch mit seinem Geiste und Willen unterworfen ist. Und was nun gar das Selbstbestimmungsrecht anbelangt, was sollte der Mensch, dieser geborene Sklave, den man am Gängelbande eines überlegenen Willens führen muß. wenn er nicht ausarten soll, mit diesem gefährlichen Flammenwerfer anfangen? „Sekt doch, da schwebt ein Unglück vor eurem Angesichte!" Wir Israeliten, die Nachkommen des einstigen Sklavenvolkes, werden schon auf Grund unserer Schicksale und Erfahrungen am allerwenigsten in der Lage sein, die Pharaonische Weltanschauung der Unfreiheit in allem Sein und Geschehen gelten zu laßen, und wir werden gegen eine von solchem Geiste eingegebene Politik der Vergewaltigung den lautesten und nachdrücklichsten Widerspruch erheben. Dennoch dürfen wir aber nicht übersehen, daß in der Argumentation dieses Selbstherrn und Kraftmenschen des Altertums auch ein berechtigter WahrKektskern enthalten ist, wenn er den Sklaven, welche die Freiheit wollen, zugerufen hat: „Seht doch das Unglück, das vor eurem Angesichte schwebt"! Welches Unglück mag er damit gemeint haben? Darauf antwortet ein Erklärer der alten Zeit, Pharao habe zur näheren Erklärung seiner Andeutung hinzugefügt: aus der Richtung der Wüste sehe ich als Astrologe einen Stern am Himmel sich erheben, der mit blutigrotem Scheine leuchtet, und das bedeutet ein Unglück, das vor eurem Angesichte schwebt (Vgl. Midr. Ialkut zu II B. M. 32,12). Im Zusammenhang unserer Gedankenreihe wollen wir annehmen, daß er damit warnend auf das Gefährliche des Selbstbestimmungsrechtes habe Hinweisen wollen, das in den Augen des Sehenden ein leuchtender Stern, aber in der Hand des Ewigblinden die Himmelsfackel ist, von der der Dichter aus der Erfahrung seiner Zeit heraus gesagt hat: sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden und äschert Stützt und Länder ein. Stimmt nicht die Erfahrung der jüngsten Vergangenheit damit überein? Das erschütterndste unter den erschütternden Ereignissen, die wir während des Weltkrieges erlebt haben, war unstreitig der völlige Zusammenbruch der Pharaonischen Zwingburg im Osten unseres Erdteils. Die weitere Entwicklung der . politische Ereignisse im Reiche des europäischen Pharaonismus hat uns dann Gelegenheit gegeben zu sehen, wie dort an Stelle des einen abgetanen Gewaltmenschen viele