Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1918)
- Date
- 1918-05-31
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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263 mich auch der ersten Sätze, die man mich aus dem Pentateuch lehrte." * So gab er es auf- Johann weiter mit Fragen nach seinen frühesten Erlebnissen zu behelligen. Vielleicht — so dachte er — wird ein Zufall das Dunkel Hellen. * Nur selten und auch dann nur für wenige Stunden besuchte Johann-seine Pslegeeltern. Sein Aufenthalt dort wurde für sie' stets ein Festtag. Doch er fühlte, daß er ihnen bei aller Dankbarkeit, die er für sie hegte, doch innerlich fremd geworden war. Die Erlebnisse, das Geschehen im Hause des Buchdruckers stachen doch gewaltig gegen das ab, was im Hause Hänleins Sitte und Brauch war. Johann galt alles, was er im Hause Zirndorser sah, als bedeutungsvoll. Noch jung an Jahren, war ihm schon das reife Denken und das ernste Führen eines Mannes eigen. Die ländlichen Anschauungen, die über den Horizont des Dorfes nicht hinausgingen, stachen allzusehr gegen diejenigen im Hause seines Chefs ab. Dort Alltagsweisheit, hier abgeklärte urrd zum Nachdenken anregende Anschauungen. (Fortsetzung folgt.) Miszellen. Basedows Elementavwerk. Es ist interessant zu sehen, wie in der Pädagogik des 18. Jahrhunderts die modernen Loleranizgedanken der Aufklärung Eingang und charakteristischen Ausdruck finden. Bor mir liegt das in seiner Art großartige Elementarwerk Basedows, 1774, des „deutschen Rousseau", dem ein Orbis pictus bei gegeben i st, mi t Kupfern des berühmten Berliner Meisters Daniel Chodowiecki. Eine Reihe von Bildern stellt jüdische Dinge dar; so Tafel 74 die Sintflut und die Stiftshütte, Tafel 75 den Auszug der Juden aus Babll, dessen Stadttor ganz unhistorisch nach Art römischer Toranlagen dargestellt wird. Auf Tafel 80 sehen wir einen „Moses, der die Juden aus Kreta durchs Meer nach dem gelobten- Lande führen will, die abex zum Teil in den Fluten umkommen, zum Teil von Fischern wieder aufgefangen werden". Auf welches Zeitereignis des 5. Jahrhunderts angesplelt wird, ist mir unbekannt. Es sollen die Bestrebungen eines Sabbatai Zewi oder ähnlicher Heilbringer damit gekennzeichnet werden. Dann folgt ein treffliches repräsentatives Prostlbrldnis Nt. Mendelssohns in Medaillenform, das aber nicht so charakteristisch wirkt wie I. G. Müllers Kupfer (nach Frisch, Gemälde, Könnecke, Der Literaturatlas S. 110). Basedow bemerkt dazu im Elementarb-uch, Ausgabe von Fritsch 11, 233, daß „zum Leidwesen der Menschenfreunde" der Haß zwischen Christen und Juden noch bis haute andauere. Doch habe Maimonides schon die Grundsätze eines Leibniz und Wolf vertreten und Mendelssohn sei ,-ebenso verehrungswür dig". Aus derselben Tafel 80 folgt dann „Ein Aufruhr der Christen gegen die Juden". Im Elementarbuch schildert Bafedow dazu die Unterdrückung der Juden in seiner Zeit und wie jene Judenhetze in einer deutschen Reichsstadt entstanden sei nur, weil die Juden ihre Synagoge so bauten, daß sie sich von Wohnhäusern unterschiede. Das Bild ist lehrreich für den Baustil der Synagogen im 18. Jahrhundert. Dieses Gotteshaus besteht aus einem einstöckigen, mit monumentaler Tür versehenen Vorbau und dem rundem plattgekuppelten Hauptschiff (wie die Berliner Hedwigskirche) dahinter; Bürgergarde rückt auf, um die Tumultuanten zu zerstreuen. — Am merkwürdigsten ist das vierte Bild der Tafel, „Einige von Soldaten über einen Wall begleitete Juden" darstellend, während unten die seinen Damen spazierengehen. So verfuhr mall irämlich in gewissen Städten, wo die Juden nicht nächtigen dursten und von einem zum anderen Tor hinausesk.ortiert wurden. „Es würde dem Moses Mendelssohn an vielen Orten nicht besser gehen, denn er ist ein Jude. Solche ' Dinge muß ich dir erzählen, liebe Jugend, damit du vor einer solchen Verwunderung bewahrt bleibst, die ein Zeichen der Unwissenheit und der üblen Erziehung ist," fügt Basedow nachdenklich hinzu, der von Dessau und Berlin her, auch durch seine Freundschaft mit Lavater Moses Mendelssohn gut kennen mochte. — Die Tafel 79 (Isaaks Opfer; Salomos Tempel; Jesus, das Kreuz tragend; Zerstörung Jerusalems durch die Römer) ist lehrreich für die historische Darstellungskiuist im 18. Jahrhundert. Namentlich die Wegführung der Juden durch die Römer darauf ist künstlerisch nicht uninteressant und durch die kräftige und markante Verteilung von Licht und Schatten über die Fläche hin lebhaft bewegt. S. Aschner. Börries von Münchhausen über seine jüdischen Balladen. Der bekannte Dichter Börries von Münchhausen, der den Lesern dieser Zeitschrift durch seine prächtigen, weit verbreiteten Dichtungen, vielen auch durch seine Rezitationen in jüdischen Literaturvereinen bekannt ist, veröffentlicht im „Literarischen Echo" (Heft 13,1. April 1918) eine sehr anmutige „Autographische Skizze", in der er von seinem Leben (er ist am 20. März 1874 geboren), von seiner Schriststellerei und deren Schicksalen erzählt. Er berichtet, daß er in seiner poetischen Produktion von Strachwitz ausging, später von Bürger, Fontane und anderen beeinflußt wurde. Daß er ferner lange zu kämpfen hatte, ehe seine Balladen von Zeitschriften und Verlegern angenommen wurden. Die ersteren schickten ihm seine Balladen als unmodern Zurück. Von seinen jüdischen Balladen sagt er folgendes: „Ein besonderes Kapitel rn meinem Leben waren die alttestnmentarifchen Balladen. Mein Freund Ephraim Moses Lilien brachte mich Zuerst auf den Gedanken, sie aus der Handschrift meiner anderen Balladen herauszulösen und gesondert herauszugeben; er zeichnete selber den reichen Buchschmuck des Werkes, das 1900 erschien. Der Erfolg war für ein Bersbuch wohl ungewöhnlich zu nennen. Zn Dutzenden erschienen lange Aufsätze darüber, Adressen kamen — eine aus Salarnanca, eine vom Oberrabbinat von Rumänien —; in Wien wurde über das Buch „Juda" gepredigt und auch in synagogale Gebete soll mein (und meiner Mutter) Name daraufhin ausgenommen sein. Uebersetz ungen in die ungebräuchlichsten Sprachen erschienen — ich nenne zum Beispiel polnische, tschechische lind hebräische —, und Briese von den merkwürdigsten Männern liefen ein, so einer von. dein edlen Gründer und Führer des Zionismus, Theodor Herzl, der mich in eine tiefe Beschämung von Glück versetzte. Demgegenüber verschlug mips nicht allzuviel, daß ein bekanntes antisemitisches Blatt andeureke, daß die Erklärung des Buches wohl in meinem 'Stammbaum oder in meinem Bankkonto zu suchen sei — ich habe allezeit gern und viel gelacht und bin ein „im Handwerk jeder Freude allsgelernter" Mann!" L. G. Jüdischer Wortwitz in England nm 119V. Die Witze, welche bei germanischen Völkern heutzutage mündlich oder in Zeitschriften verbreitet werden, rühren unverhältnismäßig oft von Juden her. Germane und Jude tragen kein Bedenken, den Witz für eine Rasseneigentümlichkeit des Inden zu erklären. Schon im zwölften Jahrhundert bemerkte diesen Zug Girald der Walliser, 'ein Geistlicher, der mit der umfassendsten Bildung der Gallolateiner eine damals überaus seltene Teilnahme für die Vergleichung von Rassen und Sprachen und für die Anekdote verband. Im Gefolge des Erzbischofs von Canterbury bereiste er', nm den Kreuzzug zu predigen, 1188 Wales und beschrieb seine Erlebnisse üii Itinerar ium Cambriae: Aus der Rückreise durch Shropshire kamen wir durch den steilen Engpaß Mala-Platen. Hier reiste zu unserer Zeit auch ein Jude mit dun dortigen Archidiakon namens Peche und dem Dechanten namens D'Eyville nach Shrewsbury, und jener erzählte, sein Sprengel reiche bis Malpas in Ch-eshire. Da sagte der Jude recht geistreich und witzig: „Ob ich wohl gesund heim komme von einer Gegend, deren Erzdiakon Peche (d. h. Sünde), deren Dechant Devil (d. h. Teufel) ist, und deren Sprengel ansängt mit Schliunnplatz und endet mit mauvais pas (d. h. Schlimmpsad)?" Der Lateintext II 13 steht in Gira 1 d4 Cambr. opera ed. Dimock (London 1868) VI, S. 146. F. Liebe r m a n u. Eine rnufikhistorische Erinnerung. Am 16. April des sturmbewegten Jahres 1848 erschien, von Meyerbeer zur Darstellung seiner Fides auserkoren, Frau Pauline Vrardot-Garcia nach mehrjähriger Abwesenheit wieder vor den Parisern, und die erste Aufführung des „Propheten" bedeutete für den Komponisten und die geniale Schöpferin der Fides einen gleichermaßen großartigen Triumph. Ueberall, in London, Berlin, Leipzig, Petersburg, wollte man diese Fides hören. Fast zweihundertmal hat Frau Viardot-Garcia diese große anstrengende Partie gesungen, und ihr gebührt das Verdienst, wesentlich zur Verbreitung von Meherbeers Ruhm beigetragen zu haben. Breslau, April 1918. Regina Ne iß er.