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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-31 · Heft 22 (31.5.1918) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 22 (31.5.1918)
Date
1918-05-31
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
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262 ein angeborenes Taktgefühl besaß. Sie freuten sich seiner Fortschritte und sahen es gern, daß er in seinen Mußestunden eifrig las. Sie gaben dieser Neigung Vorschub und beschenkten ihn oft mit lesenswerten und seiner Bildungsstufe angemessenen Büchern. Auch die Schulzeit ging für Johann zu Ende. Als der Meister ihn fragte, ob er sich schon einen Beruf erwählt habe, erklärte er, Buchdrucker werden zu wollen. „Du bist ein braver und liebgewordener Hausgenosse allzeit gewesen," sagte der Meister zu ihm, „und ich hätte es gern gesehen, wenn du mein Gewerbe erlernen wolltest. Doch sollst du deinen Willen haben, und wenn es uns auch schwer wird, dich von uns wegziehen zu sehen, so wisse, daß du hier immer dein Heim haben, und jederzeit bei uns willkommen sein wirst." Im stillen dachten seine Pflegeeltern daran, ihn zu ihrem dereinstigen Erben einzusetzen. Doch zu Johann sprachen sie nicht davon. Die schlichten Worte des Meisters packten Johann gewaltig und beinahe hätte er unter ihrem Eindruck dem Wunsche des Meisters nächgegeben. Hänlein bemerkte den Seelenkampf seines Schützlings und sagte: „Jeder soll den Beruf ergreifen, zu dem ihn Neigung hinzieht. Wir werden in den nächsten Tagen nach Fürth fahren, und ich werde dich zu einem mir bekannten Buchdrucker in die Lehre geben." Tränenden Auges küßte Johann die Hände seiner Pflegeeltern. II. D i e L e h r j a h r e. Isaak Zirndorfer, Buchdruckereibesitzer, war mit Hänlein durch geschäftliche Beziehungen bekannt. Einige Tage nach jener Erörterung brachte Hänlein seinen Pflegesohn dorthin, und rasch waren die Bedingungen für die Lehrzeit sestgelegt. Während Zirndorfer den Neuling dem Werkführer übergab, ihm die Einrichtungen des Betriebes zu zeigen, blieben beide Männer im Geschäftszimmer zurück- Hänlein machte Zirndorfer mit den Umständen bekannt, unter denen Johann zu ihm kam, und jener lobte rückhaltlos die menschenfreundliche Tat. „Nicht der Rede wert", entgegnete bescheiden der Meister. „Hat doch der Junge in seinem wackeren Verhalten uns die Erziehungsarbeit gar nicht fühlen lassen, und wir waren für die geringen Opfer reichlich entschädigt. Die Einsamkeit werden wir jetzt mehr empfinden. Wir wurden mit ihm jung und lernten durch ihn den Segen, den ein wohlgeratenes Kind im Elternhaus auszustreuen vermag, kennen." — „Haben Sie nie nach seiner Herkunft geforscht?" fragte Zirndorfer. „Haben Sie niemals ans den Anzeigen in den Zeitungen erfahren, daß Eltern einen vermißten Knaben suchen? Es wäre doch so einfach gewesen, die Zigeunertruppe durch die Polizei über seine Herkunft zu befragen." „Wohl hat sie Nachforschungen angestellt, sie sind ergebnislos verlausen. Ich hatte die Erklärung abgegeben, den Knaben, sobald er von den Eltern verlangt würde, ohne jeden Anspruch zurückzugeben", erwiderte Hänlein. „Beim Anblick des Knaben," setzte Zirndorfer die Unterhaltung fort, „fiel mir sein jüdisches Profil aus. Doch kann ich mich auch getäuscht haben. Immerhin möchte cs mir als ein Gebot der Pflicht erscheinen, die Nachforschungen wieder aufzunehmen. Vielleicht gelingt cs, das ihn umgebende Dunkel zu lichten und seine Eltern, die sich sicher immerzu grämen, zu ermitteln. — „Das wäre auch ein großes Werk; doch ich glaube nach so langer Zeit an keinen Erfolg", erwiderte der Meister. Zirndorfer bildete mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern das Musterbild einer jüdischen Familie. Johann sollte in seinem Hause wohnen, an seinem Tische speisen. Diese Einrichtung galt sonst nur für die jüdischen Arbeitskräfte seines Personals. Die beiden Männer unterhielten sich! noch eine Weile. Freudestrahlend und mit hochgeröteten Wangen erschien nun der neue Lehrling im Geschäftszimmer. Hänlein entfernte sich mit dem Jungen, um die nötigen Einkäufe für ihn zu besorgen. Nachdem er ihn noch reichlich mit Taschengeld versehen und ihn dann seinem Meister übergeben hatte, trat er mit wehmutsvollem Gefühl die Rückreise an. Alle technischen Schwierigkeiten überwand Johann spielend. Er wurde der Liebling aller, die mit ihm zu tun hatten, und Zirndorfer behandelte ihn mit geradezu väterlicher Liebe. Unwillkürlich übte er die jüdischen Gebräuche des Hauses. Die lautgesprochenen Segenssprüche beim Waschen der Hände und beim Genuß des Brotes prägten sich ihm so ein, daß er sie nachsprechen konnte. Mit Vorliebe arbeitete er am Setzkasten mit den jüdischen Lettern. Mit Hilfe einer Fibel erlernte er das Lesen: der hebräischen Schrift. Auf seine wiederholte Bitte, auch den: Inhalt der hebräischen Schrift kennenzulernen, unterrichtete Zirndorfer ihn selbst. Grenzenloser Eifer und ein vorzügliches: Gedächtnis ergänzten sich zum raschen Vorwärtsschreiten. „Er ist doch ein jüdisches Köpfchen!" pflegte Zirndorfer oft! zu wiederholen. Mit Vorliebe ging Johann zur Synagoge und verfolgte unablässig alle Vorgänge in ihr. „Kannst du dich gar nicht auf deinen Vater und auf deine Mutter besinnen, hast du keine Brüder und Schwestern?" fragte Zirndorfer. „Ich muß wohl noch sehr jung gewesen sein, als ich aus dem Elternhaus entführt wurde", entgegnete Johann. „Nichts ist in meiner Erinnerung an sie hasten geblieben. Soviel ich auch schon darüber nachgesonnen habe, reicht mein Bewußtsein nur bis zum Zigeunerwagen. Ich bekam viele Schläge und Rippenstöße, weil ich fortwährend nach Vater und Mutter ries. Nur was ich bei der Zigeunertruppe zu leiden und zu dulden hatte, hat sich meinem Gedächtnis unvergänglich eingeprägt." Durch solche Unterhaltungen glaubte Zirndorfer, wenn auch nur ganz schwache Anhaltspunkte für Johanns Herkunft zu erlangen. Vergeblich diese Mühe. Unaufhörlich beschäftigte den braven Mann die Frage: wie weit wohl im allgemeinen die Erinnerungen an die ersten Kinderjahre zurückreichen? Er suchte, aus sein frühestes Lebensalter zurückgehend, aus sich) selbst heraus die Antwort daraus festzustellen. Doch karm er zu keinem praktischen Ergebnis. Die Erinnerung gleicht einem Strome, der um so schmäler wird, je weiter wir ihn zurückversolgen, der in der Nähe seiner Ursprungsstelle zu vereinzelten Wässerchen führt und in seinen ersten Anfängen nicht mehr erkennbar ist.' Von zahlreichen, mehr oder weniger zusammenhängenden Erinnerungen gelangen wir rückschreitentd zu wenigen und vereinzelten, von diesen weiter ins völlige Dunkel der ersten Lebensjahre, in dem die Anfänge unseres- Seelenlebens verborgen sind. „Wenn man sich erinnern will, was uns in frühester Jugend begegnet ist," sagt Goethes, „so kommt man oft in den: Fall, dasjenige, was man von anderen gehört, mit dem zu verwechseln, was man wirklich aus eigener Anschauung besitzt." Jeder Versuch, unser Leben etwa vor dem fünften Lebens-- jahre anch nur nach der äußeren Seite genau zu beschreiben, würde uns nur zu bald zeigen, daß unser Gedächtnis sehr lückenhaft ist. Einzelne Tatsachen sind zwar für unsere Erinnerung nicht gerade unwiederbringlich verloren, aber doch, derartig verdeckt, daß sie ohne besondere Hilfe nur schwer: oder gar nicht wieder zum Bewußtsein kommen. „Ich erinnere mich nicht", setzte Zirndorfer seine philosophischen Betrachtungen fort, „wie ich gehen und lesen lernte,, und weiß nur, daß „Meister Hämmerlein" als erste Lektüre einen spaßigen Eindruck auf mich machte, und ich entsinne i) „Dichtung und Wahrheit."

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