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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-31 · Heft 22 (31.5.1918) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 22 (31.5.1918)
Date
1918-05-31
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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Zionsklagen (Chezöth) an die Reihe, welche bis Anbruch des Morgens dauern . .. ein Zettel mit der Aufschrift: .Dieser hat Raschi gelästert, jeder spucke vor ihm aus' wird über deinem Haupte Prangen!" Bald faßten mich zwei Teufel von Gerichtsdienern und führten mich gewaltsam zur Schul, stellten mich an den Türpfosten, brachten die ominöse Aufschrift über meinem Haupte an. . . Ein Fluten? begann, die reinste Völkerwanderung . . ., zu Taufenden kamen ste zu Minchah . . ., und alles spie vor mir nach Vorschrift aus . . . Bald -stand ich in einem See . . . Schwarz ward es mir vor den Augen, meine Sinne wollten beinahe schwinden . . . Aber ich hielt bis „Maariv" tapfer aus . . . Dann erlöste man mich endlich . . . und ich trottete, nwralisch vernichtet, körperlich gebrochen, wieder zur Herberge . . . Ein solch schreckliches Fiasko! Aber ich bereue es trotzdem nicht! Nicht zu teuer habe ich den kostbaren Besuch erkauft! Ich habe ihn gesehen, den Unvergleichlichen, ihn, das Universalgenie, gesprochen . . ., und dies entschädigt mich für alle ausgestandene moralische Pein ... O könnten doch Eure weisen Professorendiesen Uebermenschen einmal sprechen . .! Ihr vielgeprüfter und ergebenster Diener Salomon Maimon!" Also so urteilt der damalige „Abtrünnige" über Eljah Wilna! Was Wunder! Hatte doch der Gaün alleWissenschäften seiner Zeit, nach dem Zeugnis ernster Gewährsmänner und nach feinen 58 hinterlassenen Werken, welche sich sogar mit Grammatik, Musik, Astronomie und Mathematik befassen, zu urteilen, souverän beherrscht. Sogar eine scheinbar damals unlösbare Aufgabe aus der höheren Analysis soll er bei seiner Anwesenheit in Berlin im Moment gelöst Haben — was das Staunen der damaligen Akademiker in Berlin erregte, die ihn gern sehen wollten . . . Aber er war, ehe sie ihr Vorhaben anssühren konnten, vorher plötzlich verschwunden... GrdenKkt! (Zum Feste der Gesetzgebungp). Von Nathan Cohn (Charlottenburg). neues Leben, Frühlingspracht, Zieht durch Wiese, Wald und Feld; Auf dem Feld der Ehre aber Schlummert mancher tapfere Held. Schlimme Saat ward ausgesät. Doch dein Vaterland zur Ehr' Setzten unsre Heldensöhne Sich dem bösen Feind zur Wehr'. In der zehn Gebote letztem Heißt es klar: „Du sollst nicht neiden!" Durch den Neid um Deutschlands Größe Mußten wir gar Schweres leiden. Laßt die im Gedächtnis leben. Die im Kampfe hingeschieden, Wenn aus blut'ger Saat ersprossen: Völkersrühling —Völkersrieden! Unlieb verspätet. Die Red. Vom Sryksltrn zum Oeldkslten. Erzählung von M. Schweitzer (München). I. D e r Z i g e n n e r b u b. ine Zigeunertruppe, deren Mitglieder und Habseligkeiten auf vier schmutzigen Wagen untergebracht waren, hielt Einzug in ein mittelsränkisches Dorf. Bald hatte sich die schaulustige Jugend eingefünden, um die Ankömmlinge, mit denen die heilige Hermandad eine recht lebhafte Auseinandersetzung führte, eingehend zu würdigen. Allerlei Frauen, die immer Zeit zum Gaffen haben, gesellten sich dazu und sahen sich diese Gesellschaft mit jener Scheu an, die eben eine Zigeunertruppe auszulösen vermag. In dem Streit mit der Polizei blieb sie aber Sieger. Ihr Führer, der unterdessen sich an die Ortsbehörde wandte, zeigte einen Schein vor, wonach ihr eine Ausenthaltsfrist von drei Tagen gewährt wurde. Die Kavalkade zog vom Marktplatz nach einem Brachfeld außerhalb des Dorfes, und bald war ein primitives Zelt aufgeschlagen. Schmutzige Gestalten, Männer, Weiber und Kinder, stiegen aus den Wagen und richteten sich, jeder nach seinem Belieben, aus dein freien Platz nach Zigeunerart ein. Eine Grube, die als Feuerstätte diente, war schnell ausgeschachtet, und aus schnell zusammengetragenen Reisern und gestohlenem Holz prasselte bald ein Feuer, um einen Trank, eine schmutzige Brühe, zu bereiten. Nach eingenommenem Imbiß zerstreute sich die Truppe, im Dorfe Umschau haltend, wo etwas herauszuholen sei. Als Kesselflicker empfahl sich der eine. Gar bald stellte es sich heraus, daß seine Arbeit nur Schwindel war. Das Geld dafür gab er nicht zurück. Als Pserdekäuser oder Pferdedoktor gab sich der andere aus. Man war betrogen. Wahrsagerinnen und Zeichendeuterinnen waren unter ihnen. Sie hatten Erfolg bei denen, die über ihre Zukunft belehrt werden wollten. Viel Wertloses und Wertvolles verschwand, und wenn auch nach dem Verschwundenen gesucht wurde, man konnte nichts wiedererlangen. Als Hüterin der Kolonie blieb ein altes, häßliches Weib mit großem Mund, aus dem ein einziger Riesenzahn hervortrat, zurück. Die richtige Zigeunerhexe. Ein etwa siebenjähriger Knabe, der kein Reis aus der Zigeunerbande zu sein schien, kam auf seinem Bettelgange in das Haus eines wohlhabenden Bürgers, des Maurermeisters Heinrich Hänlein. Der fand Wohlgefallen an ihm, ob er auch nur notdürftig mit von Schmutz starrenden Lumpen bedeckt war. Auf die an ihn gerichteten Fragen über seine Herkunft konnte er schon deshalb nicht antworten, weil er des Meisters Sprache nicht verstand. Das kinderlose Ehepaar gab dem Knaben reichlich Speise und Trank, und es beschloß, ihn im Hause zu behalten und sollte die Truppe sogar ein Lösegeld dafür verlangen. „Wir' wollen ihn dem Vagabundenleben entziehen", war der einstimmige Beschluß dieser zweistimmigen Versammlung. Der Knabe wurde gereinigt, gekleidet und schlief in dieser Nacht im Hause des Meisters. Am anderen Morgen zog die Truppe weiter, ohne nach dem Knaben weiter gefragt zu haben. Am Ende war sie noch froh, ihn los zu sein. Johann, so wurde der Knabe genannt, fühlte sich in seiner neuen Umgebung sehr wohl.- Die Schule nahm ihn auf und er war ein recht befähigter und eifrig lernender Schüler. Wenn auch seine Schulgenossen ihn anfangs nur mit einer gewissen Scheu betrachteten, ihm den Beinamen „der Zigeuner" gaben, so schlossen sie sich, da sie merkten, daß er ein Gleicher unter Gleichen war, ihm bald als Freunde an. Sie hatten garschnell vergessen, unter welchen Umständen er in ihre Mitte kam. Seine Pflegeeltern freuten sich seines Wohlverhaltens, hatten gar nicht nötig, an ihm viel herum zu erziehen, da er

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