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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-31 · Heft 22 (31.5.1918) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 22 (31.5.1918)
Date
1918-05-31
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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260 und sind bis jetzt nicht wieder in Aktion getreten. Ich möchte aber an die Vorstände dieser Vereine sowie an alle diejenigen, denen die Zukunft des Judentums am Herzen liegt, den warmen Appell richten, ihre Literaturvereine wieder ins Leben zu rufen und mit dem Beginn des nächsten Winters die Vorträge wieder aufzunehmen. Die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur find für alle Gemeinden eine Notwendigkeit geworden, um den jüdischen Sinn zu beleben und zu pflegen. Und wenn einzelne Vereine in den.letzten Jahren „krank" geworden find, die Idee ist gesund geblieben und sie wird sich überall wieder durchsetzen, wenn Rabbiner und Führer der Gemeinden sich mit Eifer der Pflege der Literaturvereine hingeben. Lin lDrirf Sslomon jJHaimons an Males MenLelslahn. Bruchstück auS einem später zu veröffentlichenden Werke „Eljah Wilna und sein Zeitalter". Von Dr. mcd. Rainer (Wiesbaden), z. Z. Kopenhagen. ealomon Maimon war von lllatur mit glänzenden Geistesgaben ausgestattet Und, wie viele seiner Leidensgenossen im litauischen Getto, in Talmudschulen früh mit dem ganzen Apparat rabbinischen Wissens vertraut worden. Jung verheiratet, saß er beständig über den Folianten und studierte darin Tag und Nacht. Durch Maimonides' „Möreh Nebuchim" — den er verstohlen nachts gründlich kennen lernte — kam er zur Philosophie und verschaffte sich auf Umwegen das damals revolutionäre Werk: Kants „Kritik der reinen Vernunft". Trotz mangelhafter Sprachkenntnisse arbeitete er sich durch das Gestrüpp der Kategorien und Kausalitäten hindurch . . . Was ihm an Kenntnis des Deutschen mangelte, das ersetzte ihm sein angeborener Scharfsinn, seine Bewandertheit, im „Möreh". Allmählich wurde er als „Freigeist" verschrien, seine Frau ließ sich von ihm scheiden... Er wanderte ins Ausland, grübelte beständig über eine Erweiterung der Kantschen Philosophie nach . . . Zur Veröffentlichung seiner Theorien bedurfte er aber einer gründlichen Vorbildung — und so setzte er sich, kurz entschlossen, in Altona, wohin er inzwischen verschlagen war, aus die Schulbank des Gymnasiums, mitten unter wilde Schulbuben, er, der erwachsene Mann, um vor allem gründlich Deutsch zu lernen. Der reife Philosoph ochste lateinische Vokabeln und schrieb kindische Extemporalien . . . Aber mit dem Deutschen wollte es nicht recht vorwärtsgehn. Einmal geriet er sogar bei der Deklamation von Klopstocks Ode „Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht" ins „Anim Semirüth" — und wurde unbarmherzig vom strengen Gymnasialtyrannen aus der Schule fortgejagt. Er wanderte unstet, ein entbehrungsreiches Leben führend, und bildete sich auf eigene Faust weiter. Bald veröffentlichte er Aussehen erregende Abhandlungen über Kant, welche der Königsberger Weltweise selbst sehr hoch schätzte. Später nahm sich sogar seiner ein Fürst an . . . Interessant ist nun, das Urteil dieses Originals und „Ketzers" über Eljah Wilna zu hören. „Endlich nun", so schreibt er an Moses Mendelssohn, „war mein sehnlichster Wunsch, den Wilnaer Gaon zu sehen, in Erfüllung gegangen! Ich fuhr extra nach dem litauischen Jerusalem (Wilna), um ihn von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. Aber leicht war es nicht, eine Audienz bei ihm zu erhalten. Denn nur das kleine Häuflein Getreuer darf ihn von Zeit zu Zeit sprechen. Sonst läßt er sich nicht in seinen Studien stören. Seine Zeit ist ihm zu kostbar. Durch die Vorspiegelung, ich sei ein Sendbote aus dem „Heiligen Lande", großer Thorakenner, gelang es mir endlich mit großer Mühe, durch seine Vertrauten Zutritt zu ihm, dem Unvergleichlichen, zu erhalten. Und so stand ich eines Tages im Flur des berühmten „Gaünstübel" in Wilna. Bald ging die Tür seines Studierzimmers auf. Eine rührende Einfachheit, eine peinliche Sauberkeit fiel mir darin sofort aus Darin saß der „Große" an einem einfachen Holztische, angetan mit dem Gebetmantel, geschmückt mit Gebetriemen, und sah unverwandt in einen großen Folianten neben sich. Ein Licht, eine Aureole ging von ihm aus. Einem „Engel Gottes glich sein Antlitz" . . . Ich war zu ergriffen. Wagte kaum näherzutreten. Endlich faßte ich Mut und trat einige Schritte vorwärts. Der Mann würdigte mich keines Blickes. Ich nahm mir ein Herz, kramte mein längst verrostetes Talmudwissen zusammen und tat bescheiden einige Fragen. Ohne mich anzusehen, antwortete er in treffenden, lakonischen Worten . . . Mein pilpulistisches Lustschloß lag bald in Trümmern ... Aergerlich über das mißlungene Debüt, suchte ich doch mein philosophisches Bollwerk zu errichten, das schwerste Geschütz ins Tressen zu führen . . . „Es gibt", stotterte ich heraus, „zehn Synonyma im Hebräischen für den Ausdruck „Freude" (Sosön, Simchah, Gilah, Rinah, Dizah, Chedwah usw.). Raschi in seinem Kommentar zum Buche Hiob sucht allerdings die feineren Nuancen der einzelnen Freudenarten zu erklären, allein seine Deutungsweise ist — Psychologisch unrichtig . . ." Hier blieb mir die Phrase im Halse stecken . . . Noch ehe ich den Satz vollenden konnte, da traf mich ein Blick aus einem feurigen Augenpaar — der Weise erhob erst jetzt seine Augen vom Buche —, ein Blick war es wie ein Blitzstrahl, strafend, vernichtend. Ich drohte in den Erdboden zu versinken, meine Knie wankten . . . Ich hielt es nicht länger aus. . .und war zur Tür hinausgewankt. . . Wie einst der Erzverleumder Haman, so schlich ich „traurig und barhäuptig", in mich zusammengesunken, meiner Herberge zu. . . Ich warf mich aufs Lager und wollte mein heftig pochendes Herz beruhigen . . . Aber nicht lange sollte ich mich der wohltuenden Ruhe erfreuen . . . Bald klopfte es heftig an meine Zimmertür, und herein trat ein graubärtiger Mann, welcher sich als Büttel des Wilnaer „Großbethdin" kurz vorstellte ... Er ersuchte mich in knappen Worten, die eher als Befehl klangen, ihm zum Gericht sofort zu folgen... Da half kein Sträuben. Ich armes Opferlamm schritt wie ein Verbrecher . . . und hielt mir unterwegs mein reiches Sündenregister vor . . . Ich konnte es aber kaum fassen, was ich speziell in Wilna verbrochen hätte . . . Bald, gar zu bald sollte ich es jedoch erfahren ... Da stand ich nun vor den jüdischen Rhadamanthyssen, die in ihrer ehrwürdigen Tracht, wie Bildsäulen, zu Gericht saßen. Bald erhob sich der älteste, ein Greis mit herabwallendem Prophetenbarte, und verlas mir die Anklage: „Du hast den Namen unsere großen Lehrers Raschi, gesegnet sei sein Andenken, geschmäht. . ., hast seine Lohre als irrig erklärt!" Ich wagte nicht zu widersprechen . . . „Nun", fuhr er fort, „sollst du nach dem Beschluß des Beth-Din deine exemplarische Strafe dafür erhalten. Von „Großminchah" (etwa gegen 1 Uhr nachmittags) bis zum Abendgebet sollst du an dem Türpfosten der großen „Schul" stehen; Sie dürfen sich nicht darunter — so fügt Maimon in Parenthese selbst ein — etwa die Berliner Synagoge mit dem winzigen Häuftein Betender an Wochentagen vorstellen! Die Wilnaer große Schul mit ihren Adnexen blldet mitten in der Stadt eine kleine Stadt für sich... Tag und Nacht sind ihre Pforten geöffnet . . . Unaufhörlich flutet dort das religiöse Leben .... Ununterbrochen wird zu jeder Zeit gebetet. . . Zu Tausenden strömen bei Tag und Nacht die Andächtigen dahin. Mit dem ersten Morgengrauen beginnt das Frühgebet, bis dann gegen Mittag das große Minchahbeten es ablöst - und dann bei Eintritt der Dunkelheit das „Maariv" bis Mitternacht fortgesetzt wird . . . Nun kommen die mitternächtigen

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