Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1918)
- Date
- 1918-05-31
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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259 ihre Tätigkeit ausüben sollen. Ihre Vorträge müssen aktuell sein, sie müssen sich den Zeitereignissen anpassem und ihren Mitgliedern nicht nur Belehrung, sondern auch Unterhaltung bieten. Das hat sich in den 25 Jahren, seitdem der Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur besteht, immer deutlicher gezeigt. Unser unvergeßlicher Dr. Gustav Karpeles hat dies wohl eingesehen, und ihm ist es zu verdanken, daß neben den gelehrten Vorträgen in jedem Jahre den Mitgliedern mehrere populär-wissenschaftliche Abhandlungen geboten wurden. Vielleicht könnte man einwenden, daß dies nicht die Aufgabe der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur sei. Sie haben den Zweck, unsere Glaubensgenossen in der ruhmreichen Geschichte unseres Volkes auszubilden und ihnen dasjenige vor Augen zu führen, was unsere jüdischen Dichter und Denker Schönes und Lehrreiches geschaffen haben. Da aber ist der wunde Punkt. Von neuem zeigt sich in jedem Jahr, daß die Vorträge, die sich mit streng wissenschaftlichen Problemen beschäftigen und selbst von hervorragenden Gelehrten gehalten werden, wenig besucht sind, während Darbietungen, die mehr der Belehrung und Unterhaltung dienen, ein volles Haus finden. Herr Rabbiner Dr. Gelles schlägt vor, die Mitglieder zur Mitarbeit anzuhalten und die Vorträge in den Vereinen in geordneter Folge zu bieten. Das erste Mittel ist im Berliner Verein sicher undurchführbar. Wenn auch hier und da einmal ein Mitglied des Vorstandes sich in den Dienst der guten Sache stellt und einen Vortrag hält, so ist das nur eine Ausnahme. Zumeist fällt diese Ausgabe denjenigen zu, die hierzu am meisten berufen sind, d. h. den Professoren an der Universität, den Rabbinern und sonstigen Gelehrten. Es geht nicht an, Liesen Herren! Vorschriften zu machen, worüber sie sprechen sollen, es sei denn, daß zu einer bestimmten Gelegenheit, zu einer Jahrhundertfeier oder sonst zu einem Gedenktage ein bestimmtes Thema behandelt werden soll. Sonst muß es dem Ermessen des Vortragenden überlassen werden, welches Thema er ^handeln will, allenfalls schlägt er dem Vorstände einige Themata zur Auswahl vor. Eine geordnete Folge von Vorträgen ist dadurch säst unmöglich. Unser verstorbener Freund Dr. Gustav Karpeles hat bereits vor vielen Jahren einen Zyklus von Vorträgen über jüdische Geschichte gehalten, und sie waren außerordentlich lehrreich und gut besucht. Es dürfte kaum möglich sein, jetzt irgendeinen Gelehrten zu finden, der das gleiche zu bieten vermag und dieselbe Anziehungskraft ausübt wie Dr. Karpeles. Aber selbst wenn es gelänge, so würden die Mitglieder, die heute die Abwechslung in den Vorträgen vorziehen, kaum befriedigt sein durch eine derartige Folge von Vorträgen, die viel eher von einer Hochschule, aber nicht von einem Literaturverein geboten werden können. Wenn diese Einzelvorträge gut sind, so unterhalten und belehren sie zugleich, und es ist Herrn Dr. Gelles darin nicht zuzustimmen, daß diese Vorträge die Mitglieder „verwirren", aber nicht aufklären. Bei der Auswahl der Vorträge muß allerdings die größte Sorgfalt stattfinden. Das Beste ist für die Literaturvereine gerade gut genug, und es ist viel empfehlenswerter, einige Vorträge weniger halten zu lassen als recht viele und mittelmäßige Vorträge den Mitgliedern zu bieten. Herr Dr. Gelles empfiehlt, die Literaturvereine zu einer Gemeindeinstitution umzugestalten, d. h. der Vorstand der jüdischen Gemeinde soll eine Literaturkommifsion ernennen, die die Funktion übernimmt, die jetzt der Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur ausübt. Abgesehen davon, daß der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde dies nie und nimmer tun würde, weil er mit der Verwaltung der Schulen, der Bibliothek und der Kunstsammlung genug belastet ist, so ist auch gar keine Veranlassung hierzu gegeben. Könnte denn der Vorstand der Gemeinde oder die Literaturkommission irgend etivas anderes tun, als der Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur jetzt auSübt? Nicht im geringsten. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde würde bei der Uebernahme der Funktion in eigene Verwaltung nur bewirken, daß die Mitglieder in Zukunft keine Beiträge mehr bezahlen. Die Gemeinde sei reich genug, so heißt es im Publikum, sie könne also auch die Vorträge den Genteindemitgliedern unentgeltlich bieten. Etwas anderes würde wohl kaum erzielt werden. Die Vorstände der Literaturvereine werden, wenn sie es ernst mit ihrer Aufgabe nehmen, jederzeit freier in ihren Maßnahmen sein, als es der Vorstand der jüdischen Gemeinde ist. Sie werden für die Mitglieder manche Unterhaltung und Belehrung schaffen können, die ihnen der Vorstand der jüdischen Gemeinde schwerlich bieten würde. Wir sollten uns freuen, Einrichtungen zu haben, die wir frei verwalten, und diese Freiheit wollen wir uns nicht nehmen lassen, indem wir alles verstaatlichen oder dem Vorstand der Gemeinde überlassen. . Als letztes Mittel gibt Herr Dr. Gelles noch die Einführung von Diskussionen an. Auch diese sind hier versucht worden und haben früher stattgefunden. Sie haben aber so viel Unzuträglichkeiten herbeigeführt, daß sie abgeschafft werden mußten. Entweder hatte der Diskussionsredner sich vorher einen zweiten Vortrag ausgearbeitet, den er nach dem Redner gehalten hat, oder er hat ihn angegriffen und gerade das Gegenteil von dem behauptet, waS der Vortragende soeben gelehrt hatte. Niem-nd hatte also einen Nutzen davon und es waren nur unfruchtbare Debatten entstanden. Es ist viel richtiger, daß ein einzelner Redner die Resultate seines Denkens und Wissens in unterhaltender Form vorträgt und die Zuhörer einen nachhaltigen Eindruck empfangen, als daß sie durch anschließende Kritiken und Diskussionen verwirrt werden. Dieser Vorschlag des Herrn Dr. Gelles ist jetzt auch praktisch nicht durchführbar, da die Säle nicht länger als VA bis 2 Stunden den Literaturvereinen zur Verfügung stehen. Die Wirksamkeit des Berliner Vereins für jüdische Geschichte und Literatur erschöpft sich aber nicht in der Veranstaltung von zehn bis zwölf Vorträgen im Jahre. Die Herausgabe des Jahrbuches, die vom Verbände der Vereine bewirkt wird, schafft einen innigen Zusammenhang zwischen dem Literaturverein und seinen Mitgliedern. Einundzwanzig Jahrbücher sind bereits erschienen, und sie enthalten eine Fülle von hervorragenden, wissenschaftlichen und unterhaltenden Artikeln. Die Mitglieder unseres Vereins empfangen gern diese literarische Gabe, zumal sie ihnen kostenfrei zugestellt wird, und hie Tatsache ist nicht zu unterschätzen, daß hierdurch jüdische Wissenschaft gefördert und in weitere Kreise hineingetragen wird. Mehr als 5000 Jahrbücher werden jährlich verkauft und verbreitet, und die Literaturvereine im Reiche sollten ebenfalls ihre Mitglieder dadurch an sich fesseln, daß sie ihnen das Jahrbuch kostenfrei liefern. Die Vereine verpflichten sich hierdurch ihre Anhänger, denn die Erfahrung hat gelehrt, daß viele dem Verein nur weiter angehören, um auch die Jahrbücher weiter zu erhalten. Sollten die Vereine auch noch Fortbildungskurse einrichten können, so wäre das ein Ziel aufs innigste zu wünschen. In Berlin hat die Einrichtung der Lehrkurse in hebräischer Sprache sowie in jüdischer Geschichte keinen Bestand gehabt. Das muß systematisch von einer eigens dazu errichteten jüdischen Volkshochschule bewirkt werden.— Die Literaturvereine haben eine große und schöne Aufgabe im Interesse des Judentums zu erfüllen, und es wäre sehr zu bedauern, wenn die im Reiche bestehenden Vereine nicht ebenso wie in Berlin alles aufbieten würden, um sich in voller Tätigkeit zu erhalten. Leider haben bei Beginn des Krieges einige früher blühende Vereine im Reiche ihre Wirksamkeit eingestellt