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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-31 · Heft 22 (31.5.1918) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 22 (31.5.1918)
Date
1918-05-31
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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258 erblickt er ein geeignetes Mittel, die Menschheit zu heben, sie aus Tierzu Geistesmenschen heranzubilden. Die Erhebung aber des Menschen zum Ebenbild Gottes, zum Geistesmenschen, bildet auch das letzte Ziel und höchste Ideal der Religion. Nur zu natürlich ist es daher, daß in ihren Dokumenten, in der Heiligen Schrift, auch die Idee des Vegetarismus verankert sein muß. Ja, sie ist mehr als bloß verankert, sie ist konsequent durchgeführt: Himmel und Erde waren geschaffen, erstes Grün bedeckte die junge Flur, schüchtern wagten sich die Sträuchen hervor, unsicher griffen die ersten Bäume mit ihren Aesten und Zweigen in die Luft. Die Sonne zog zum erstenmal ihre Bahn und traf mit ihren Strahlen die Wasser, in welchen die ersten Fische sich munter tummelten, während vom „Trocknen" die Vögel aufstiegen und im ersten Flügelschlag ihre Kraft versuchten. Durch Wald und Feld streifte das Wild und aus lachenden Auen lagerte sich das Vieh. Da öffnete noch einmal die Erde ihren Schoß und gebar oix „die Menschheit". qyiPk anx „Gott begrüßte sie" und sprach: „Sehet, ich gebe euch alles samentragende Kraut auf der Erdoberfläche und alle Bäume, an denen samentvagende Baumfrüchte hängen; ,-paiO n\T »euer sollen sie sein zur Speise. Und allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels, allem, was sich regt aus der Erde, in welchem eine Lebeseele ist, alles grüne Kraut zur Speise p 7TH und so geschah e s. " (t. Buch Moses 1, 28 bis 30). Aus dieser Stelle ergibt sich ganz klar, daß es im Plan der göttlichen Vorsehung lag, den Menschen und auch den Tieren die animalische Nahrung zu verbieten, zu untersagen. Raschi, der es stets versteht, mit wenigen Worten viel zu sagen, erklärt in Anlehnung an Sanhedr. 59b das Verbot der animalischen Speisen damit, daß man ja ein Tier töten müßte, um zum Genuß seines Fleisches zu gelangen rran1? aixv nunrt X"? irr p~r "]k -IV2 rvo Es will nun so scheinen, als habe die Gottheit später — vergleiche 1. Buch Moses 9, 3 ff. die noachitischen Gebote — ihren Plan, die Aufrechterhaltung des Verbotes des Tiergenusses, endgültig aufgegeben. Begegnen wir doch außerdem später den Spehegesetzen, die einen großen Raum einnehmen, Doch das ist nicht der Fall. Dem Bild von der ersten Menschheit, wie wir es eben kurz skizziert haben, steht in Jesaja Kap. 11 das Bild der letzten oder messianischen Menschheit gegenüber. In ihm erkennen wir, wie es um die Zeit des heiligen Gottessriedens auf Erden auschhen wird: pn-^D«’ “lpaa msi „und der Löwe wird ivie das Rind mir Stroh fressen". Der vom göttlichen Geist erfüllte Prophet, der mit seinem seelischen Auge bereits die messianische Menschheit vor sich sieht und mit weitausschauendem Blick in die Zukunft hineinragt, bedient sich nicht dieser Worte, nur um etwas Schönes zu jagen; es ist ihm heiliger Ernst mit allem, was er verkündet. Er begnügt sich nicht mir der Schilderung, „daß Wolf und Lamm, Pavdel und Böcklein friedlich beisammen lagern und von einem kleinen Knaben sich leiten lassen". Er bringt den Grund: er sagt, der ursprüngliche Plan der göttlichen Vorsehung, daß auch das Tier nur Planzennahrung frißt, kommt zur Verwirklichung. Wenn aber schon das Raubtier, das fast ausschließlich von animalischer Speise lebt, dieser entsagen wird, um wieviel mehr der Mensch! Nicht uninteressant ist in diesem Zusammenhang Jesaja Kap. 66, Vers 3 na» *T18?n »Nw »Wer den Ochsen schlachtet, erschlägt einen Menschen." Sollte es sich hier nur um die Gleichzeitigkeit zweier verschiedener Handlungen und nicht auch um einen kausalen Zusammenhang handeln?! Wie lassen sich nun die biblischen Speisegesetze in diese Gedanken einfügeni? Die Opfer können wir übergehen, da sie nur ein „Zugeständnis des Mose an Israel" bedeuten und sich außerdem überlebt haben. Wir sehen, daß die Bibel gerade durch dieSpeis e ge setze z u mV ege t a r i s - m u s hinsührt. Im 1. Buch Moses, Kap. 9 heißt es ba r6a&6 .Trp aa*? Ti *on mrx ran „alles, was sich regt und lebt, sei euch zur Speise sreigegeben". Diese schrankenlose Erlaubnis wird dann 3. Buch Moses, Kap. 11 auf Wiederkäuer mit gespalteten Klauen, auf Fische mit Flossen und Schuppen reduziert. So erhalten die Speisegesetze eine neue Beleuchtung, sie bilden den Anfang der Rückentwicklung der Menschheit zum Vegetarismus und verlangen, daß sich der Mensch Schranken m feinem Fleischgenuß auferlege. Ist es doch überhaupt notwendig, sich daran zu erinnern, daß sich die biblischen Speisegesetze zum allergrößten Teil auf den Genuß von Tieren erstrecken. Es folgt aber auch daraus, daß die biblischen Speisegesetze —wenn sie konsequent weitergeführt werden sollen — zum Verzicht auf die animalischen Speisen führen müssen. Der moralische Grund, der den Speisegesetzen untergelegt wird — die Erziehung zur Selbstbeherrschung -", wird erst dann allseitige Anerkennung ernten, wenn so die Menschen immer mehr zur vegetarischen, d. h. zur natürlichen Nahrung angehalten werden. Somit stehen natürliche Nahrung und Speisegesetze nicht im Widerspruch miteinander. Vom schrankenlosen Fleischgenuß durch das SP ei se g esetz zur na tü rl i ch en Nah r u nxp). Dir Vereine kür jüdische Geschichte und Literatur. Von Benas Levh (Berlin). ie „Allgemeine Zeitung des Judentums" hat in einer ihrer letzten Nummern auf einen Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Gelles in Lissa (Posen) aufmerksam gemacht, der sich mit den Literaturvereinen beschäftigt und die Ueberschrrft „Ein Weg zur Gesundung der Literaturvereine" trägt. Der Verfasser betrachtet sämtliche Literatilrvereine als im Niedergang befindlich und gibt einige Rezepte, wie man den kranken Körper der Literaturvereine, wie er wörtlich schreibt, wieder heilen könnte. Was Herr Dr. Gelles behauptet, mag vielleicht für einige größere und kleinere Literaturvereine im Reiche zutrefsen, keineswegs aber hat es für den . Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur Geltung. Dieser Verein ist nicht krank, sondern er blüht und gedeiht selbst in den Kriegsjahren. Die Zahl der Mitglieder ist nicht kleiner geworden, sondern beträgt noch immer zirka 1200, obgleich viele Mitglieder in den letzten Jahren verstorben sind und viele im Felde sich befinden. Es haben sich immer noch — auch in den letzten Kriegsjahren — jährlich mehr als hundert neue Mitglieder dem Verein angeschlossen. Allerdings war der Vorstand des Literaturvereins bei Beginn des Krieges im Zweifel, ob er während des Krieges seine Tätigkeit einstellen oder ob er in gewohnter Weise die Mitglieder zu den Vorträgen einladen sollte. Erfreulicherweise hat sich die Befürchtung nicht erfüllt, daß der Krieg auf die Tätigkeit des Literaturvereins schädlich wirken würde; im Gegenteil, die Vorträge find ebensogut besucht gewesen wie in Friedenszeiten. Besonders haben die Vorträge, die sich mit dem Krieg und dem Verhältnis der Juden zum Kriege beschäftigen, eine sehr zahlreiche Zuhörerschaft gefunden. Das weist deutlich darauf hin, wie die Literaturvereine l) Wr können nicht sagen, daß uns diese originellen Anzsnhrnngen vollkommen überzeugt haben und sind gern bereit, einer Entgegnung Ranin zu geben. Die Red.

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