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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-31 · Heft 22 (31.5.1918) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 22 (31.5.1918)
Date
1918-05-31
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
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256 Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag berichtet: Das „Lemberger Tagblatt" schreibt in seiner Nummer vom 8. Mai: Herr Daniel Auster ist aus Damaskus hier eingetroffen. Er war bis vor wenigen Monaten Lehrer an der hebräischen Realschule in Haifa -und gehört heute dein Palästinaamt in Damaskus an, das offiziell aus begreiflichen Gründen -den Namen „Hilfskomitee für die Ausgewiesenen und Evakuierten" führt. Herr Auster verließ am 9. April Damaskus. Er steht in ständiger Verbindung mit Herrn Dr. Ruppin in Konstantinopel und gab uns folgende Informationen über die Lage der Juden in Nordpalästina, das sich noch in türkischer Harid befindet. Die Lage in Galiläa ist materiell gut. Man hofft heuer auf eine außerordentlich gute Ernte. Die geistige und moralische Verfassung ist hingegen sehr gedrückt. Die ständige Furcht vor Evakuierungen und allem, was in der Türkei dazu gehört, lastet schwer auf jedem. Außerdem ist der Gesundheitszustand in den Städten sehr schlecht; vor allem herrscht völliger Hunger, insbesondere in Safed, wo man bis heute mehr als 600 Waisen zählte. Die Evakuationen und Verfolgungen-haben noch kein Ende gefunden. Djemal Pascha sitzt heute als Kriegsminister in Konstantinopel und schmiedet neue Pläne, sich der Juden zu entledigen. Er hat seinen Einfluß aus die türkische Politik nicht verloren. Die letzte Verfolgung, die er vor kurzem anordnete, war die Austreibung aller Juden aus den Kolonien und Städten in der Nähe der Front. So blieb in Kfar Seba und Külkiliah kein einziger Jude. . Die meisten von ihnen sind schon zum zweitenmal ausgewiesen, weil insbesondere die 135 Juden von Kalkiliah Evakuierte aus Judäa sind. Die nunmehr aufs neue Evakuierten haben sich jetzt in Kfar Hjemal, andere wieder in Hedera und Tul Kerem niedergelassen. Evakuiert wurden nur -die Juden, die übrige Bevölkerung durfte überall bleiben. Der Gesundheitszustand in Kfar Seba war furchtbar schlecht. Nicht weniger als 400 an Typhus Erkrankte wurden gezählt. Täglich starben vier bis fünf Juden. Als das Komitee endlich die Möglichkeit hatte, etwas zur Bekämpfung der Epidemie zu unternehmen, kam die Austreibung... Die aus Jerusalem cmsgewiesenen jüdischen Notabeln, Joffe und die anderen, befinden sich in Damaskus, nur Professor Schatz bekam die Erlaubnis, nach Palästina, und zwar nach Liberias zurückzukehren. Am schrecklichsten leidet das Schulwesen. Die amerikanischen Hilfsgelder sind nur zur Linderung der materiellen und physischen Not bestimmt. In Wien wurde eine Aktion von den Herren Stricker und Beigel eingeleitet. Auch Herr Ingenieur Kremenetzky sagte eine größere Spende zu. * In einem Artikel der „Pirnaer Volkszeitung" handelt ein jüdischer Sozialdemokrat über „Scheidemann als Zionist". Nachdem er dargelegt, daß auch Scheidemann dem Normte pro PalaeBtina beigetreten ist, fährt er fort: Jetzt suchen die CntenteMnder den Zionismus für ihre imperialist:- schen Zwecke auszubeuten. Der ganze Rummel mit dem Versprechen eines unabhängigen jüdischen Staates in Palästina, der von England und Amerika feierlich in Aussicht gestellt wird, ist ja im Grunde genommen Humbug. Schon aus> dem einfachen Grunde (von vielen anderen abgesehen), daß es einfach ein Unding ist, von einem jüdischen Staate in einem Lande zu reden, wo die Juden eine verschwindend kleine. Minderheit der Bevölkerung bilden (höchstens 15 Prozent vor dem Kriege; zurzeit noch weniger). Er handelt sich aber einerseits um eine „idealistisch" gefärbte Deckung für die sehr realistischen Eroberungsgelüste, anderseitR aber um das Gewinnen von dankbarfrohen und geschäftlich tüchtigen Agenten in dem eroberten Gebiet. Das ist in kurzem -des Pudels Kern. Daß der deutsche Imperialismus sich ebenfalls anschließt, den englischen Konkurrenten mit seiner eigenen Waffe zu schlagen und ihm als fleißiger Schüler nachzuahmen trachtet, ist ganz natürlich und verständlich. Daß die Scheidemänner in seinem Fahrwasser schwimmen, ist zwar weniger natürlich, aber nach den Erfahrungen der -letzten Jahre auch durchaus verständlich. Naive Menschen dürften freilich erwarten, daß Leute, die ja doch ab und zu mit internationalen Redensarten paradieren, gewisse Rücksichten auf die inneren Verhältnisse im jüdischen Volke nehmen sollten. In seinen roten Jahren hat ja vielleicht auch Scheidemannn etwas davon gehört, daß die Juden auch ein Proletariat und eine Arbeiterbewegung besitzen. Er hat auch vielleicht etwas davon gehört, daß die jüdische Sozialdemokratie — der „Bund" — nahezu Jahrzehnte lang einen hartnäckigen ununterbrochenen Kanchf gegen den Zionismus führt. Die jüdischen sozialdemokratischen Arbeiter betrachten den Zionismus als einen Traum des ohnmächtigen, feigen und politisch impotenten Kleinbürgertums, einen Traum, der niemals zu einer Lösung der Judenfrage führen kann, da er im scharfen Gegensatz zu den Entwicklungstendenzen des jüdischen Wirtschaftslebens steht. Einen Traum, der die schädlichsten Rückwirkungen auf das politische Lebendes Judentums und speziell auf >den Kanips des jüdischen ProletariatA auMbit. Der Zionismus schafft eine Atmosphäre von nationaler Verhetzung, wirkt ertötend auf die Kampflust und Kampffähigkeit, absorbiert eine Menge von Volkskrästeg, die schließlich ergebnislos verpuffen, erzeugt eine Stimmung von religiös gefärbtem Traditionenkultus und träumerisch^-romantischer Abenteuerlust und trägt sogar fein Gift in die Reihen -der Arbeiter, indem er gewisse Gruppen absplittert, . die das Proletariat für ihre Utopien zu gewinnen suchen — Gruppen, die freilich klein und schwach sind, die aber immerhin rührig genug sind, um durch ihre Stänkereien die Einigkeit der Bewegung und die Arbeit der Sozialdemokratie zu schädigen. Eine harmlose Mitteilung der „Köniasberger Hartungschen Zeitung" mag den Schluß dieser Uebersicht machten: Die jüdischen Negerlein. Das alte, u-rsprü-nalich als studentisches K-neiplied ausgetauchte Liedchen von den „Zehn kleinen Neaerlein", das manche Wandlungen bei uns erfahren bat und jetzt noch vielfach im Spiel der Kinder eine bevorzugte Stelle einnimmt, hat auch in anderen Sprachen sein Ge oen stück. So erinnert man sich einer französischen Fassung, die Pvette Gilbert seinerzeit zu uns gebracht hat. Der Weltkrieg, durch den unsere Truppen oft in Be Ziehungen zu. den Ostjuden getreten sind, ließ uns nun auch eine Fafsuna des Liedes in „Jiddisch" entdecken, die des volksdsvchologiischen Reizes nicht entbehrt. Wird in dem ursprünglichen Liedjeder kleine Neger aus eine andere Art vom Leben zum Tode befördert, so ist in dem jüdi-- schen Gegenstück der Tod für alle „zehn Brüder" der gleiche, es ändert sich nur —ihr Handelsobjekt, lleberraschend und die Vermutung nahelegend, daß es sichnicht um ein volksliedmäßig entstandenes, sondern um ein geschaffenes Kunstlied handelt, ist die Schlußstrophe, die wie ein plötzliches Aufschluchzen den ganzen Jammer dieser armen Handelsjuden herausschreit. Das Lied lautet folgendermaßen: Zehn Brieder seinen mir gewesen. Hoben mir gehandelt mit Lein'. (Leinwand.) Js einer gestorben, is geblieben nein. Nein Brieder seinen mir geblieben. Hoben mir gehandelt mit Fracht'. (Früchte.) Js einer gestorben, is geblieben acht Acht Brieder seinen mir geblieben. Hoben mir gehandelt mit Rieben. Js einer gestorben, isgeblieben sieben. Sieben Brieder seinen mir geblieben. Hoben mir gehandelt mit Tschweks (Zwecken, Nägel) Js einer gestorben, is geblieben sechs. Sechs Brieder seinen mir geblieben. Hoben mir gehandelt mit Strumpf'. Js einer gestorben, is geblieben fünf. Fünf Brieder seinen mir geblieben. Hoben wir gehandelt mit Bier. Js einer gestorben, is geblieben vier. Vier Brieder seinen mir geblieben. Hoben mir gehandelt mit Blei. Is einer gestorben, is geblieben drei. Drei Brieder seinen mir geblieben. Hoben mir gehandelt mit Tei. (Tee.) Js einer gestorben, is geblieben zwei.

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