Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1918)
- Date
- 1918-05-31
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Ukraine 3× ep/1001131
- Odesa 1× ep/1000834
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255 selbst, unter den frivolsten Vorwänden, in den Krieg eingegriffen. Es ist bedauerlich, daß in einer großen und stolzen Republik kein einsichtiger Politiker dem ehrgeizigen Präsidenten entgegenzutreten wagt, der die Interessen eines mächtigen Reiches schädigt, an dessdn großartigem Aufbau so viele Deutsche mitgearbeitet haben. Ueber die Judenverfolgungen in der Ukraine unmittelbar vor dem Fall der Rada entnehmen wir den Mitteilungen des Stockholmer Prehbureaus und deutschen Zeitungen folgendes: „Die antisemitischen Unruhen in der ukrainischen Provinz halten noch immer an. Die Unruhen in Odessa und Cherson scheinen keinen ausgeprägten antijüdischen Charakter zu haben. Dagegen in den kleinerem Städten in der Provinz wütet eine allsgesprochene antisemitische Agitation. In Gogolew (Gouvernement Tschernigow) brach am 23. März ein Pogrom aus, der von den Heidamaken geleitet wurde. Zwei Juden, Belanowski und Kahanow, wurden während des Pogroms von den ukrainischen Soldaten erschossen. Eine Pogromstimmung herrschte auch in den Kolonien des Chersoner Gouvernements. Besonders artete der Pogrom in Sawran (Gouvernement Podolien) aus. Fast alle jüdischen Geschäfte wurden geplündert. Die Hälfte der Stadt wurde später in Brand gesetzt. Dem jüdischen Arzt der Stadt, Klein, der ein Führer der Selbstwehr war, wurden Leide Hände aLgeschnitten und das Gesicht schwer verimstaltet. Sein Schwiegerväter wurde nackt auf den Straßen unter Musikbegleitung mnhergetriieben und mit Stöcken geschlagen, bis er auf der Straße starb. Die Nada setzte eine Unterfuchungskommission ein, die die Schuldigen ausfindig machen und bestrafen soll. Die Kommission besteht aus stuf Personen, drei Ukrainern, einem russischen Sozialdemokraten und einem Zionisten (M. Hindes)." * Ferner wird berichtet: Die telegraphischen Nachrichten über zahlreiche Judenpogrome in Rußland, der Ukraine und Beßarabien werden von eben ein getroffenen Petersburger Blättern bestätigt. Der „Prawda" vom 13. April zufolge waren diese Pogrome am 11. dbpril Gegenstand einer Beratung des zentralen Vollzugsausschusses der russischen Sowjets. An die Ausführungen der Referenten anknüpfend lneint „Prawda", die Judenpogrome seien zir einem allgemeinen Auskunftsmittel der Reaktion nicht nur in Rußland, der Ukraine und Beßarabien, sondern auch in Polen nur Oesterreich geworden. In dem Artikel heißt es: „Die eine ganze Reihe von Städten heimsuchende Pogromseuche übertrifft in ihrer Destialit-üt alles, was 1905 geschehen ist." Der Referent im Zentralen Vollzugsausschuß entwarf ein entsetzliches Bild der bestialischen Verbrechen, die an der wehrlosen jüdischen Bevölkerung begangen wurden. In Gluchow wurde die ganze jüdische Bevölkerung ermordet; in Turkest-an wurde - die jüdische Bevölkerung massenhaft inngebracht; die rumänische Macht organisierte selbst Judenpogrome. Der Artikel seht -den enge.n Zusammenhang zwischen der Neaktion und den Judenpogromen -auseinander und schließt mit den Worten: ,.8m freien Rußland dar! der wilde Nationalhaß keine Stätte finden, darf eine Rückkehr zu denalten blutigen Pogromen des sielbstherrschenden Despotismus nicktt möglich sein. Alle Unterdrücker und Henker des jüdischen Volkes werden die Räte der Arbeiterdeputierten zur Ordnung rufen und dem strengsten revolutionären Gerichte überantworten!" Zum Thema des Krakauer Judenpogroms berichtet das Jüdische Preßbuveau: Infolge der großen Aufregung der jüdischen Bevölkerung sah sich der Krakauer Gemeinderat gezwungen, den bekannten Krakauer Exzessen eine Sitzung zu widmen. Die Sitzung war geheim und auch ein offizieller Bericht wurde über sie nicht herausgegeben. Ein Gewährsmann der Wiener „Morgenzeitung" ist in der Lage mitzutcfei, daß das Gemeinderatsmitglied Dr. Raphael Landau, einer der Führer der „Unabhängigen Juden" (einer Krakauer, lokalen farblosen Partei, die dein polnischen Reichsratsklub angeschlossen ist), in dieser Sitzung eine scharte Anklagerede gegen die polnischen Behörden und die polnische Presse gehalten habe. Landau habe die Behauptung, das; nt Krakau kein Judenpogrom, sondern einfache Hungerkrawalle stattgefunden hätten und daß der Tod Möllers auf natürliche Ursachen zurückzuführen sei. Lügen gestraft und festgestellt, daß die Exzesse sich ausschließlich gegen die Juden gerichtet und den Charakter eines gewöhnlichen Judenpogroms getragen hätten. * Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bringt einen Artikel „Völkerbefreier", aus dem folgender Passus hier wiedergegeben zu werden verdient: Und als Befreier haben die Heere und die Diplomatie der Mittelmächte auch in Rumänien gewirkt. Der Artikel 44 des Berliner Vertrages vom Jahre 1878, der die Unterschrift des Fürsten Bismarck trägt, wird nunmehr eine Wahrheit werden. Der bezeichnete Artikel brachte der Gesamtheit dev Bevölkerung Rumäniens ohne Unterschied der Konfession die politische und rechtliche Gleichstellung in jeder Beziehung. Diese Gleichheit ist leider niemals zur Durchführung gelangt, und insbesondere die Juden in Rumänien haben niemals die politischen Bürgerrechte erlangt. Sie wurden wirtschaftlich überdies schwer benachteiligt, und auch ihr Schulwesen wurde bedauerlicherweise in enge Fesseln geschlagen. Jetzt, wo es Deutschland und den Mittelmächten möglich ist, auf die Durchführung des Artikels 44 des Berliner Vertrages zu dringen, ist dies nicht versäumt worden. Deutschland wird darauf halten, daß die Bestimmungen des Artikels in vollem Urnfange zur Durchführung gelangen. Ein Vertrag, der Deutschlands Unterschrift trägt, soll nicht ein toter Buchstabe sein, und jene Entwicklung, der wir damit die Wege ebnen, wird nicht allein ein Segen für die rumänischen Juden sein, sondern zugleich für den rumänischen Staat, der innere aufreizende Kämpfe somit beendigt und Bevölkerungsschichten für die Mitarbeit am Wiederaufbau des Staates gewinnt, die sich als Soldaten im Dienste des rumänischen Staates bewährt haben, obgleich dieser Staat ihnen ein gütiges Vaterland, das sie mit ihrem Blute verteidigten, nicht gewesen ist. Wenn jetzt Rumänien in neue Bahnen einlent't, so wird das dem Staate und der Gesamtheit seiner Bewohner zweifellos nutzbringend sein. Die Taten deutscher Heere und deutscher Politik, die sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meere dokumentieren, bedeuten die Befreiung von Millionen von Menschen aus drückenden Fesseln. Sie bedeuten die Renaissance im eigentlichsten Sinne des Wortes, die Wiederauferstehung von Nationen, die vielfach alle nationalen Wünsche für berechenbare Zeit glaubten begraben zu müssen. Dieses Programm, das in Taten verwirklicht ist, stellen wir jenem Programm der Entente für eine Völkerbeglückung entgegen, das bisher in nichts als in Worten bestanden hat und das, wenn man auf Aegypten und Indien blickt, zweifellos bestimmt ist, eine Lüge zu bleiben; die Irländer selbst sind wenigstens der Ansicht, daß sie von den englischen Versprechungen gleichfalls nichts zu erwarten haben. # Wie cibzx die Rumänen die Emanzipation der Juden vorbereiten, darüber veröffentlicht die „Oesterreichische Wochenschrift" nachfolgende, von einer zuverläßlichen Persönlichkeit aus Rumänien ihr zugegangene Meldung: „Focsani (Rumänien), am 14. Mai 1918. In Galben (in der Nähe von Bacau, in der Moldau) ist eine Quarautänestation für die aus deutscher und österreichisch-ungarischer Gefangenschaft heimkehrenden rumänischen Gefangenen. Der Geistliche kam ins Lager und hetzte die Rumänen in der Gegenwart eines Obersten gegen ihre jüdischen Kameraden. Er sagte, sie dürften es nicht zulassen, daß die Juden Bürgerrechte bekommen. Man solle sie alle ausrotten. Er selbst versprach 5000 Lei für jeden „äbgehauten jüdischen Kopf". Die Ansprache hatte leider großen Erfolg. Die Rumänen sind über die wehrlosen jüdischen Gefangenen hevgefallen und haben zwanzig getötet und mehrere verwundet. Einige sind frühzeitig geflüchtet. Dies geschah am 10. Mai. Ein anderer Fall: Ein aus Gefangenschaft heimkehrender jüdischer Soldat wurde hier in Focsani von seinem rumänischen Kameraden (einenr Offizier) darauf aufmerksam gemacht, daß in seiner Heimat in Fecucin wie auch in Beslad (Städte in der Moldau) große Judenverfolgungen stattfänden; es wäre daher ratsam, seine Reise jetzt zu unterlassen. Es wäre wünschenswert, daß das Judentum im Westen durch die jüdische Presse von der traurigen Lage der rumänischen Juden Kenntnis nimmt und die Regierungen auf den traurigen Prolog der Emanzipation der rumänischen Juden aufmerksam macht." #