Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-31 · Heft 22 (31.5.1918) · p. Seite 254

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 22 (31.5.1918)
Date
1918-05-31
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229361--74037-3528712
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

254 der Blick auf die Menschheit. Es mag heute Mode geworden sein, darauf hinzuweifen, daß unsere Ahnen, wenn es darauf ankam, auch das Schwert zu schwingen verstanden und sowohl zu erobern, wie sich zu wehren wußten; doch wollen wir ruhig eingestehen, ihre eigentliche Stärke war das nicht, die lag auf anderem Gebiet. Ein Selbstzeugnis aus alter Zeit rühmt die Weichheit des Empfindens, die Wärme der Anteilnahme und lautet: „Drei Eigenschaften gibt es, durch die die Juden sich auszeichnen: sie sind barmherzig, schamhaft und wohltätig." Was aber immer wieder vergessen wird und deshalb immer von neuem hervorgehoben zu werden verdient, ist dies, daß der Begriff der Mensch Heit aus unserer Bibel stammt. In jenen grauen Jahrhunderten, da für die anderen Nationen die Welt noch an der Landesgrenze aufhörte, erhob Israel seine Augen schon über die Schranken des eigenen Volkstums und sah in Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde, in den Menschen aber die Kinder des himmlischen Vaters. Mens ch e n - L i eb e, beide Bestandteile dieses Wortes sind aus jüdischem Seelenleben erwachsen, und darum ist es eine Ueberhebung und ein Unrecht, uns die Priorität und den vollen Anspruch auf die Autorschaft jenes obersten Sittengebotes streitig zu machen. Doch wir wollen den alten Streit nicht wieder heraufbeschwören. Nicht auf Worte, auf Taten kommt es heute an. Wenn auch jetzt noch draußen das Mut in Strömen fließt und daheim die Habgier triumphiert, der Friede wird einmal geschlossen werden, die Waffen werden ruhen und normale Verhältnisse werden wieder bei uns einkehren. Dann wird auch dieser Wirrwarr der Rechtsbegriffe, der heute die Köpfe betört, aufhören, dann wird auch dieses — wie soll ich es nennen? — dieses Moratorium der Ethik, unter, dein wir seufzen, sein Ende nehmen. Die Welt will ihre Rechte, ihre Ordnungen, ihre Sittlichkeit wiederhaben. Mcht die Religion wird dann den Preis davontragen, die die Menschenliebe in ihren alten Schriften nachweist, sondern die, die sie in die Herzen der Lebenden zu senken versteht; nicht die Lehre darf sich rühmen, die höchste zu sein, die am lautesten schreit und am wüstesten agitiert, sondern die die Gemüter zu sänftigen, die Triebe zu bändigen, die Interessen auszugleichen imstande ist. Es ist wie mit dem Streit um die Ringe in der alten Fabel: der Ring ist echt, der die Kraft hat. vor Gott und Menschen angenehm zu machen; die Liebe ist echt, die sich bewährt daheim und draußen, in Freud und Leid, im Trösten und Helfen, im Vereinigen und Versöhnen. Ist einer kleinen Schrift, die den Titel trägt: „Von den „Aufgaben der Juden im Weltkrieg", wurde jüngst gefordert, die Juden sollten eine Mittlerrolle zwischen den Völkern spielen und dafür' sorgen, daß in den Ländern ihres Aufenthalts der Haß allmählich einer freundlicheren Stimmung weicht. Wenn ich auch bezweifle, daß wir bei unserer geringen Anzahl heute die Macht haben, auf viele Millionen verhetzter Menschen einzuwirken und tief eingewurzelte Vorurteile, Konkurrenzneid rmd Rachegelüste bei ihnen auszurotten, so möchte ich doch den richtigen Grundgedanken dieser Forderung mir zu eigen machen. Nichts ist heute so tief gesunken wie der Wert d e s einzelnen Menschen: er ist eine Zahl, eine Ziffer, von denen man Tausende täglich in Rechnung stellt, aber auch Tausende täglich aus der Rechnung streichen muß. Den Wert des Menschen wieder zu heben in den Augen der Allgemeinheit, ihr das Gewissen zu schärfen, sie zur Einkehr zu mahnen, das kann und muß Aufgabe des Judentums sein. In Synagoge und Schule, in Rede und Schrift, in unserem Tun und Lasten müssen wir immer wieder zum Ausdruck bringen, daß für uns der Mensch mehr ist als eine Nummer, daß wir ihm Existenzvecht, Bewegungsfreiheit, Entfaltung, Glück, Ehre und Freude zubilligen. Wir folgen dabei «den Lehren unseres Glaubens und den Traditionen unseres Stammes, wir machen zur Wahrheit das alte Wort: „Wer sich seiner Mitmenschen erbarmt, wer mit ihnen fühlt, der zeigt, daß er in Wahrheit ein Nachkomme ist von Abraham, unserem Vater." Den Egoismus in unserer, eigenen Mitte bekämpfend, Wohlwollen und Mitgefühl allerorten betätigend, werden wir gewiß nicht auf unsere Umgebung ohne Eindruck bleiben. Vielleicht, daß dann doch, wenn dieser Krieg ausgetobt hat, ein Rückfall in die Barbarei der Menschenopfer nicht so 'bald wieder erfolgen wird. Vielleicht, daß wir dann der Zeit näher kommen, von der unser Prophet spricht: „Sie werden umhämmern ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Rebmessern. Mcht mehr wird Volk gegen Volk das Schwert erheben, noch werden sie den Krieg fürder erlernen." Sie Mache. Berlin, 27. Mai. on den K r i c g s e r e i g n i s s e n ist nichts Neues zu me^de". Fast täglich finden gewaltige Kämpfe an der Westfront statt, deren Resultat dasselbe ist: starker Krafteinsatz unserer Feinde, blutiges und verlustreiches Zurückschlagen dieser Angriffe. Auch in Italien und Albanien ist die Gefechtstätigkeit eine lebhaftere geworden, ohne daß von besonderen Vorfällen gesprochen werden kann. Wir harren entscheidender Ereignisse von allen drei Fronten. Während dieser gespannten Erwartung, die eine durchaus hoffnungsvolle ist, um so hoffnungsvoller, als die Kampfeslust und Wehrkraft der Franzosen und Engländer sichtlich abnimmt, werden von Amerika aus Nachrichten verbreitet, die nicht angenehm klingen. Präsident Wilson hat sich zu einer neuen Aussprache veranlaßt gesehen und mit dieser den Beifall der amerikanischen Presse gefunden. Sie handelt von dem unbeugsamen Kriegswillen der Vereinigten Staaten, setzt, in demselben Sinne, wie schon so oft, nur mit anderen Worten, die Kriegsziele auseinander und spricht davon, daß ■ Amerika willens und bereit sei, nicht bloß fünf Millionen, sondern mehr ins Feld zu stellen. An der Festigkeit dieses Willens wird man wohl nicht zweifeln können, wohl aber an der Ausführbarkeit dieser Absicht und vor allem an der Möglichkeit, diese ungeheueren Truppenmasien nach Europa zu schaffen. Die Amerikaner täuschen sich, wie es scheint absichtlich; über ihre Transportverhältnisse, sie möchten unsere Unterseebootwaffe vergessen, die auch wieder im April eine ungeheure Arbeit geleistet hat, und sie scheinen gar nicht daran zu denken, wie die Ernährung solcher Massen auf einem Kampfplatz durchgeführt werden soll, auf dem schon die Schwierigkeiten des Unterhalts der bereits Kämpfenden außerordentliche sind. Wir lassen uns freilich durch die großen Worte der Amerikaner, deren Kampffähigkeit selbst von ihren Bundesgenossen angezweifelt wird, nicht täuschen. Aber immer wieder entsteht bei uns die Frage: Wofür kämpft eigentlich Amerika? Bei England ist es das Verlangen, feine Seeherrschaft zu behaupten und die bedrohliche Konkurrenz des deutschen Handels und der deutschen Industrie niederzuringen; Frankreich will von feinem geschichtlich gänzlich unberechtigten Verlangen nicht lassen, sich Elfaß-Lothringen anzugliedevn, das es feine Provinzen nennt; Italien kann von seinen Hoffnungen nicht abgehen, die Landesteile zu „erretten", in denen Italienisch gesprochen wird. Was aber will Amerika? Seine wohlverstandenen Interessen mußten es zu einer Vereinigung mit Deutschland zwingen, es mußte erkennen, daß es in einem Bunde mit Deutschland als der gewaltige Weltenrichter auftreten müßte; es hätte von Anbeginn des Weltkrieges an den erhabenen Beruf gehabt, die Vermittlerrolle zu übernehmen. Statt besten hat es sich aus Gewinnsucht als Helfer unserer Feinde geriert und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.