Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1918)
- Date
- 1918-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 22 fflff Berlin, 31. Mai 1918 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese ' Zeitung, erscheint »Schentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel - oder die Post (in Vttkn und vor» orten durch unsere verttiebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. -- Postscheckkonto 32^ Vegründet von Rabbiner Dr. Lu-wig Philippfon Unter Leitung des Geheimen RegiernnHsratr Professor Vr. Ludwig Seiger Vertag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-H9, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. ffnftÄlf* Menschenliebe. Von Rabbiner Dr. Hochfeld (Berlin). — Die Woche. — Heinrich Simon. I^. K. — Der Vegetarismus und die Bibel. Von Rabbiner Dr. Gelles (Lissa i. P.). — Die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur. Von Benas Levh (Berlin). — Ein Brief Salomon Maimons an.Moses Mendelssohn. Von Dr. med. Rainer (Wiesbaden), a. 3 Kopenhagen. — Feuilleton: Gedenket! Von Nathan C ahn (Charlottenburg).. — Vom Setzkasten zum Geldkasten. Erzählung von M. Schweitzer (München). — Miszellen. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Bemeirrdebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Beuthen O.-S., Breslau, Leipzig, Hambnrg, München, Worms, Frankfurt a. M., Den Haag, Wien. — Von Nah und Fern. Mmschmlirdk. ' Von RaMner Dr. Hochfeld (Berlin). s gab eine Zeit, und sie liegt noch nicht lange hinter uns, da wurde von den Religionen heftig darüber gestritten, welche von ihnen zuerst der Welt das Gebot der Nächstenliebe verkündet habe. Vertreter deS bei uns herrschenden Bekenntnisses behaupteten, jenes Kleinod unter den sittlichen Pflichten entstamme der Lehre des Stifters ihrer Kirche; wir beriefen uns. auf das 19. Kapitel des 3. Buches Mose, in dem klar und deutlich gefordert wird: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Jene meinten dann, die jüdische Nächstenliebe hätte sich nur auf den Volksgenossen bezogen; in jedem Menschen den Nächsten zu sehen, sei ein spezifisch christlicher Gedanke; wir holten aus demselben Kapitel der Bibel den Gegenbeweis. Wenige Zeilen weiter steht dort geschrieben: „Wie ein Einheimischer soll euch der Fremdling sein, du sollst ihn lieben wie dich selbst!" Gleich einem Märchen aus uralten Zeiten kommt uns heute dieser Streit vor. Hat man wirklich einmal darüber disputieren können, wer zuerst die Pflicht der Liebe ausgesprochen und wer sie dann aus die Angehörigen anderer Völker ausgedehnt hat? Gab es unter uns Menschen, die sich mit ihrer Liebe brüsteten und anderen Leuten Mangel an Liebe von Religions wegen vorwarfen? Wo sind sie geblieben, diese Fanatiker der Liebe? Warum sind ihre tönenden Worte verstummt, warum sehen wir nichts von ihren überzeugenden Taten? Nun, die Welt hat inzwischen ein anderes Gesicht bekommen, nicht mehr die Liebe, sondern ihr Todfeind, der Egoismus, behauptet heute das Feld. Der Egoismus hat diesen Krieg angefacht und die Völker gegeneinander gehetzt, 6er Egoismus bringt die Friedensstimmen zum Schweigen und ist noch immer nicht satt des Blutes und der Opfer. Der Egoismus hat auch 'Kinder desselben Vaterlandes in seinen Bann gezwungen und läßt sie ihren persönlichen Vorteil, rhren materiellen Gewinn, ihre selbstischen Ziele oftmals höher achten als die gemeinsame Wohlfahrt. Mögen andere unersetzliche Verluste erleiden, mögen sie ihre Hoffnung und ihren Stotz dahingeben, jeder ist sich selbst der Nächste, heißt heute die Losung, und für viele, die ehemals die Liebe im Munde führten, bedeutet das: festhalten, was man hat, ergreifen, was sich bietet, die günstige Gelegenheit nicht durch sentimentale Anwandlungen wiedersahren lassen. Es ist hohe Zech daß die Menschheit aus ihrer Raserei erwacht und sich auf ihre wahre Bestimmung besinnt; es ist hohe Zeit, daß die Liebe, die heute fast nur noch im Dienst der Lazarette uneingeschränkt zur Geltung kommt, aus ihrem Verruf erlöst und in ihr ursprüngliches Recht wiedereingesetzt wird. Mag man von künftigen Friedensaufgaben Hervorheben, was man will: die ausreichende Versorgung mit Rohstoffen, die Herstellung günstiger Handelsbeziehungen, die Sicherung der Volksernährung, den freiheitlichen Ausbau der Verfassung, ich stehe nicht an zu erklären, unsere dringendste Aufgabe ist und bleibt: die Herzen wieder fähig zu machen für die Menschenliebe. Was ist Menschenliebe? Nach jüdischer Auffassung jedenfalls nichts Verstiegenes und. Unmögliches, keine . unklare Schwärmerei, keine Ueberspannung des Gefühls. Nicht sein Hab und Gut wegschenken und dann selber Mangel leiden, nicht für Fremde sich aufopfern und die eigene Familie vernachlässigen, sondern in dem anderen den Menschen sehen, der gleich uns seine Mühen und Freuden, seine Sorgen und seinen Stolz hat, diese Mühen und Freuden irgendwie Mitempfinden, hilfreich und teilnahmsvoll eingreifen, wenn es erforderlich ist und ohne eigenen Schaden geschehen kann. Was du bei dir geachtet und geschützt wissen möchtest, die Menschenwürde, die Ehre, die Persönlichkeit, ebendas auch bei den anderen achten und schützen, das heißt: liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Was verbietet die Menschenliebe? Die Antwort auf diese Frage ist vielleicht noch wichtiger, weil sie uns schneller zur Klarheit führt. Menschenliebe verbietet Menschenverachtung, damit ist alles gesagt. Sie verbietet, daß wir die Menschen zum Objekt unserer Ausbeutung machen, daß wir vor ihren Schmerzen und Leiden Augen und Ohren verschließen und sprechen: Was geht es uns an? Sie verbietet, daß wir ihnen nehmen, wo wir können, ohne jemals etwas zu geben, daß wir sie lediglich als Material und Wertzeug betrachten für unsere ehrgeizigen Pläne. Menschenverachtung, die sich äußert in Gefühlskälte bei fremdem Unglück, in eisigem Schweigen bei Kummer und Not, in der Ausnutzung des Schwächeren, in der brutalen Behandlung des Abhängigen und Niedrigerstehenden, solche Menfchenverachtung ist der schlimmste Verstoß gegen das Gebot der Menschenliebe. Welche Bedeutung schon in alten Zeiten die Menschenliebe im Lehrinhalt des Judentums gewonnen hat, geht daraus hervor, daß von zwei führenden Geistern unserer Weisen der eine, Akiba, sagte, sie wäre, ein Grundgebot der Thora, während der andere, Hillel, meinte, sie sei die'gange Thora und alles übrige sei nur nähere Erläuterung. Zwei ursprüngliche Anlagen der jüdischen Seele haben diese Liebe in unserer Gemeinschaft früh aufkeimen und zur Blüte kommen lasten: das gütige Herz und