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Esra · 1919-01-01 · Heft 8 · page 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Date
1919-01-01
Page
– (sequence 32)
Language
German
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eine Tugend machen und über die armseligen Proletenseelen, die sich mit derartig schmutzigen Geschäften abgeben» die wohlgeborene Nase rümpfen. Ich verkenne weiter auch nicht, daß der äußere Erfolg des Zionismus in seiner Wirkung auf die utopisch veranlagte und darum früher so mächtig von ihm angezogene Jugend etwas geradezu Lähmendes hat. Und jetzt, da der jüdische Nationalismus in der Diaspora zu dem Leitgedanken einer realen Politik mit den meiner tiefsten Überzeugung nach in Europa unvermeidlichen Begleiterscheinungen der üblichen Parteiwirtschaft geworden ist, fehlt der Jugend auch der reine Ausblick aufx eine große, allem Persönlichen entrückte Idee Wie wenigen geht es da ein, daß alle unsere Arbeit, die wir hier tun, im Bewußtsein ihrer furchtbaren Unzulänglichkeit und Assimiliertheit an die quälenden Gegebenheiten unseres noch hier gelebten, schmachvollen Lebens tun, doch nur im Hinblick auf Palästina, doch nur um Zions willen geschieht! Wenigstens was uns anlangt, die wir vom Hier nichts und vom Dort alles (soweit dies ein jeder für möglich hält) erwarten, dabei aber auch wissen, daß Palästina ohne Galuth unmöglich ist. Wäre es anders erklärlich, daß wir es über uns bringen» die schmutzigen Kläglichkeiten der Politik der heutigen Welt mitzumachen, an ihnen Anteil zu nehmen, ' ja mitten drin zu stecken? Was aber bleibt uns anderes übrig, als uns mit den Mitteln dieser Welt die Möglichkeit zu erringen, sie nicht mehr verwenden zu müssen und diese Welt aus den Angeln heben zu können? Weiß jemand einen anderen Weg, dann möge er vortreten und ihn zeigen. Ich sehe keinen anderen. Eine grundsätzliche Einschränkung ist allerdings zu machen : vor keiner noch so großen Idee kann es verantwortet werden, das unersetzbar kostbarste Gut auf Erden ohne Zwang anzutasten : das Menschenleben. Dies bedeutet die Ablehnung jeder Gewalt und Vergewaltigung, außer in Notwehr. — Begreift man jetzt auch, warum auch w i r, wir mit dem letzten Rest gläubigster Zukunftshoffnung noch sozialistisch gesinnten Zionisten, hier eine sogenannte >bürgerliche« Politik mitmachen? Weil wir an einen Sozialismus in Europa nicht glauben und, anstatt den wirklichen Sozialismus hier allmählich korrumpieren zu lassen (was schlimmer ist als die kapitalistische Korruption) durch rein nationale, also auch die wirtschaftliche Schichtung berücksichtigende Politik die Diasporajudenheit vor dem sonst unvermeidlichen Untergang retten wollen — um Palästinas willen. Kann jemand tiefer als wir diesen grauenvollen Zwang fühlen, aus edelsten, reinsten Antrieben nochmals die ganze Schändlichkeit und unsagbar bittere Schwere unseres Galuthdaseins bis zum letzten Jammer durchleben zu müssen? Weiß denn jemand von der Unmenschlichkeit eines Opfers und einer Entsagung, die oft genug mit eiskaltem Entsetzen unserem eigenen Treiben zusieht, sich an den Kopf greift und fragt, ob man sich da nur noch etwas vormacht oder ob über dem Grauen denn wirklich noch immer das unverrückbare,, ewige Gestirn der Idee leuchtet } Und begreift man schließlich, was das ertragen heißt, wenn man von der Sorte der »reinen Zionisten«, dieser altneuen Spezies unserer heutigen Jugend, noch Worte des Spottes und Hohnes über die »Morallosigkeit« seines Handelns täglich zu hören bekommt? Ist es nicht zum Verzweifeln, daß diese Dreckseelen, deren Zionismus gerade bis zur Grenze ihres persönlichen Lebens reicht, also nicht gerade gefährlich und aufregend ist, es noch wagen dürfen, als die ■ ausschließlichen Tugendbolde gelten zu wollen? 254

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